On the Prog Path (2)

Stell dir vor, du wohnst auf nem Berg. Nicht gleich Hochgebirge. Die Reinhold-Messner-Feelings lass stecken. Eine sanfte Steigung ist gemeint. Aber dein Elternhaus liegt höher als der Dom; der wiederum auch auf einem Berg steht, wenn man es aus dem Saaletal betrachtet. Du guckst also alltäglich auf den Dom „da unten“ und auf die Stadt. Aber hinter dir und deiner Jugendbleibe ist noch ein Höhenzug – noch ein bisschen höher, bewaldet – und dort liegt der Bürgergarten. Deutsche Variante eines Englischen Waldparks mit Findlingen, die dem Turnvater und kaiserzeitlichen Förderern der Stadt gewidmet sind. Der ehemalige erste Turnplatz ist in der Nähe. Heute nur noch Rodel-Areal; ansonsten grünes Idyll. Ausflugslokal. Auch Draußen-Ausschank. Bühnen-Pavillon aus den 20ern. Zu Ostzeiten phasenweise Disco.dsc03382heimreise

Ich komme von Udo. Musikalisch ticken wir, wie eineiige Zwillinge. Musiksüchtig bis zur Haarwurzel. Was ich nicht hab, hat er und umgekehrt. Eine Aufnahme-Session jagt die andere.

Er hat besseren Hessen-Empfang. Bei mir oben kommt ganzjährig brauchbar nur der NDR.

„Plastic silver 9 Volt heart, you klick in on and then the Music start. The Ra-a-a-dio was his toy….”; Jahrzehnte später erscheint Dave Alvins wunderbares Album “Ashgrove”, das bis heute Gänsehautwellen bei mir auslöst: Ich erkenn’ mich oder Udo da in jedem Song.

Wir waren die „wild eyed Kids with the new Transistor…“ (frei nach Ray Wylie Hubbard)  immer auf der Jagd nach Archivbeute.dsc03380heimreise

Ich bin also am späten Nachmittag auf dem Heimweg. Wetter bestens. Das „Anett“ in der Tragetasche baumelt sachte von der Schulter. Und um mich rum – von überall her dröhnt Santanas „Samba pa ti“. Ich staune nicht über dieses Akustikmysterium, sondern nur einmal mehr wieder über den klaren Sound; freu mich, dass es diese Nummer ist, die da gerade den Äther füllt und nicht „Schmidtchen Schleicher“ oder so Zeuch; denn ich weiß: Oben im Bürgergarten ist wieder mal Tanz. Und da der DJ weiß, dass im Hellen ab 17: 00 Uhr eh erst die Hemmschwellen weggesoffen werden müssen, bevor MANN auf der Tanzfläche erscheint, beschallt er Wald und Wohnviertel in der ersten Hälfte der Zeit erst mal mit guter Musik.

1975, da ist Nostalgiewelle angesagt: „One and One is One“, „Dear Mrs.Appleby“, “One way wind”, “Crazy Horses” (Da wachsen mir glatt wieder Federn am Kopp!) aber auch Neueres: „He’s to old-old-old; old to Rock and roll-roll-roll, but he is to young to die!“ , „Killer Queen“ usw. Die Songs wechseln logischerweise von mal zu mal, aber EINER kehrt immer wieder: Wenn DER kommt, hältst du automatisch inne, starrst den grünen Hang an und von dort schallts in einer Klarheit, dass man das Mikro aus dem Feinster halten könnte, um aufzunehmen: (Uh-Uh!) (Tick-Tok-Tick-Tok) „Time has come today! Young Hearts keep go their way! Hey! Don’t put it on another day! Don’t care what the other say!“ Zwischenspiel u-u-u-u-nd Steigerung: „… Aaaaaaaaaarghhhh! Now my time has come…”

Hitzewallung, Kälteschauer, Gänsehaut, Ergriffenheit total! Music to play LOUD! In DEM Moment wünscht man sich die Harley! Hochstart in der Garage, das Vorderrad drückt das Tor auf – und ab dafür. Ohne Helm! Die Mecke im Wind! In Wirklichkeit hab ich ein blaues S 50 N von der ersten Generation. Knättereteng und störanfällig wie nur was. Einen Helm, der mich aussehen lässt, wie irgendwas zwischen Disco-Kugel und gigantischer Albino-Ameise.

Cool sein ist anders…

 

Weeeeeiiiit weg ist man da von Erlebnissen wie in dem Film, der gerade im Kino lief. Ein alter Späthippie-Streifen aus Hollywood über so einen Gumball-Fahrer Kowalski, der es in Rekordzeit von Küste zu Küste schaffen will und dem unterwegs in der Prärie eine nackte Fee mit Motorrad begegnet. „Grenzpunkt Null“ hieß das Event im Osten. Im Westen „Fluchtpunkt San Francisco“.

prog-pathSehnsucht wächst. Sehnsucht schmerzt. Da kommt „A whiter shade of pale“ gerade richtig. Procol Harum schienen einen Wimpernschlag lang DIE Band zu sein, auf die ich schon immer gewartet hatte. „Homburg“, „Shine on brightly“ – und schließlich: „Salty Dog!“ Ach ist das herrlich! Und diesen Historien-Touch hat’s auch noch! Kirchenpathos und stürmische See. Songs fürs Knutschen in der Burgruine oder Soundtrack fürs Blättern im „Guten Kameraden“ aus den Zeiten der Flottenpolitik.

Bald darauf hieß es: In der Poleninformation soll’s „Procols Ninth“ geben. Gott sei Dank war ich nicht der Erste, der deshalb nach Leipzig fuhr. Als ich sie bei einem Klassenkameraden hörte, wusste ich: Nö. Hat sich erledigt. Da fehlt ja alles von den geschätzten Trademarks – abgesehen von Gary Brookers Stimme. Weiter suchen und Pink Floyd-Fan bleiben. Wie komm ich bloß mal an Genesis und Yes?

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14 Gedanken zu “On the Prog Path (2)

  1. „Anett“ gekauft vom Jugendweihegeld im Centrumwarenhaus Karl-Marx-Stadt.
    In dem Gebäude befindet sich heute Das Tietz, in dem u.a.die Stadtbibliotkek um ihr Überleben kämpft…

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  2. Hier läuft die Zwölfminutenversion von Time has come, die auf dem in deinem Link abgebildeten Cover auf Vinühl gepresst steckte.
    Klasse Beitrag wieder mal… Und was Du von der Neunten von Procol schreibst – ich befürchte fast, wir werden uns eines Tages in Sachen Musik noch punktuell übereinstimmen.

    Und was Anett betrifft, das erinnert mich an den Philips EL 3305. Hinten auf einer Herkules K50, den Raketenkässorder in die Luft gehalten und volle Kanne aufgedreht. Dabei auf der Hauptstrasse unseres Dorfes bei Wasn´t born to follow grosse Bögen gefahren. Schliesslich kamen wir gerade aus Easy Rider….

    Gefällt 1 Person

    • Get your motor runnin‘
      Head out on the highway…
      Easy Rider lief im Osten nie. Deine Altersgenossen(Ost) hatten wenigstens noch das Glück „Privilige“ sehen zu können. DER Filmeinkaufsgau der DDR überhaupt.
      Für meine Altersgruppe gabs – den ABBA-Film – Kotz!
      Und „Blutige Erdbeeren“ mit ein bissl 68er Mugge.
      Erst in den 80ern hatten wir musikfilmmäßig etwas mehr Glück: „Fame“ und „the last waltz“ kamen kurz hintereinander 1982/83 ins Kino.

      Das lange Ding von den Chamber Broth hab ich auch – aber erst nach der Wende kennengelernt.
      Ich war auf der Suche nach „People get ready“, auch so ein Radiozufallsfund von vor der Wende: DAS ist ihr EIGENTLICHES Zauberstück. Besser als ihre Version ist niemand, auch nicht Jeff Beck mit Roderick von Krächz. Aber sonst ist den armen Burschen nicht sehr viel gelungen.

      Gefällt 2 Personen

      • Danke für die Hinweise – ich kenne allerdings keinen der genannten Filme, bzw. habe keinen davon gesehen… Live Rust habe ich gesehen oder Pink Floyd in Pompeij, Zappas 200 Motel und dergleichen, aber die von dir genannten…

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      • Echt jetzt: Den „last waltz“ von the Band & Co hast du noch nie gesehn? Güüüüübsdenndeeesah?
        Pink Floyds Pompeij hab ich auch auf DVD, obwohl ich kaum freiwillig DVDs kaufe. Liegen doch nur rum, die Dinger. Habs auch höchstens anderthalbmal geschaut… naja, nicht schlecht, aber zum Hören UND Hingucken fehlt meist die Muße.

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      • Die Letztwalzerbande sind nie so richtig meine Freunde geworden.
        Mir fallen aber jetzt noch andere Filme ein, Monterey, Woodstock, One plus one von Godard, Yellow Submarine, Help, , , ,,,
        Und der Oberkracher: ein Konzert von Ten Years After. Der Film wurde gandenlos verrissen. Nicht wegen der Musik, nein, wegen der damals absolut unmodischen Kameraführung. Keine Mätzchen, sondern geradezu statische Kameraeinstellungen, sodass man dem Konzert in Ruhe sehend kann ohne Augenkrämpfe zu erleiden. Der Kameramann ist eigentlich ein weltbrühmter Regisseur, du magst seine Filme nicht, also beschweigen wir seinen Namen 🙂

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      • Na wenders so is‘ 🙂 Ruhige Kameraführung bei Konzertfilmen mag ich aber durchaus. Z.B. Dickey Betts im Rockpalast oder Lynyrds „Lyve from Styletown“.

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      • Ähem, ich mag etliche Ihrer Texte und liebe Ihre spezielle gradwanderische Schreibweise, aber diese Besternung ist kwasi eine Art Dingensblogtransferadminverwirbelung. Will meinen: Dit woar ich goar nü! Gedanklich befüllhorne ich Sie natürlich sternchentechnisch, schon weil ich Sie so gerne im Hemdchen… Pardöngsche, ich neige zu Albernheiten heute…

        Nachlesende Grüße aus dem dämmerigen Lipperlandien, Ihre Frau Knobloch, auch sternenlos zugetan.

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