Melitta

FREItag. Sommer. Sonne. Keine Termine. Keine Formulare. Kein Bespaßen müssen von nix und niemand. Ferien. Endlich. Spät wie nie, dies Jahr. Gartenstuhl. Sonnenschirm. Spielhagen aufschlagen… Die Familie ist unterwegs. Niemand kommt. Nichts geschieht. Herrlich!

Wie ein Robinson in Restpreußen. Buch. Wasserglas. Grüne Idylle. Keine Kannibalen.

Eigentlich fehlt – Sound. Früher hätte jetzt der Küchen-Blaster im Garten Dienst tun müssen. Aber die Zeiten ändern sich.

Ich lese und die Worte sind Musik. Auftritt Melitta von Berkow:

Sie trägt ein Reitgewand von dunkelgrünem Sammet, das hinreichend in die Höhe gesteckt ist, um sie nicht beim Gehen zu hindern…(…)…und der kleine Hut, der nebst Handschuhen und Reitpeitsche auf einem kleinen Beistelltisch in der Nähe liegt, muss dem wohlgebildeten Kopfe mit den üppigen braunen Haaren, die einfach in der Mitte gescheitelt, in reichen Wellen über Stirn und Ohren fallen und hinten im Nacken zu einem Kranze aufgebunden sind, sehr wohl stehen.(…)

Gut möglich, dass der kürzlich gewesene Abiball hier nachwirkt. Der Aufmarsch der Komtessen in großer Robe.

Melitta war aufgesprungen, hatte ihre Reitpeitsche ergriffen und hieb damit sausend durch die Luft (…) Offenbar hatte die Erwähnung dieser Heirat eine Saite in ihr angeschlagen, die hässlich durch ihre Seele schrillte…

Verbinden sich mit Musikerinnerung:

There I was with the old man
Stranded again so off I’d ran
A young world crashing around me
No possibilities of getting what I need
He looked at me and smiled
Said „No, no, no, no, no child

See the dog and butterfly
Up in the air he likes to fly.“
Dog and butterfly
Below she had to try
She roll back down to the warm soft ground, laughing
She don’t know why, she don’t know why
Dog and butterfly….

Ann Wilson, die unterschätzte. Die Melitta des Rockbizz.

„She-he-he gave me religion!“ Van the Man weht mich an. Nee, ich brauche dafür keinen Blaster mehr.

„Across the bridge, where angels dwell!“ (Noch mal Van M.) Vorallem, wenn sie alte Stories wiederbeleben. Aber das können nicht nur Van Morrisons Engel, das können auch Runrig perfekt – wie hier.

Ich les weiter und weiß sofort wieder, weshalb ich Spielhagen so mag, als er seine Hauptfigur, einen Hauslehrer, folgendermaßen über einen Schüler nachdenken lässt:

„Du, wie Al Hafi, Wilder, Guter, Edler! sprach er bei sich, was willst du in dieser Welt von weibischen Männern (…) Ein Mann tut uns noth, schreien die Gelehrten aller Arten. Wie wollt ihr Männer haben, wenn Haus und Schule und Leben sich gegenseitig unterstützen, die stolze Kraft im Keim zu brechen! Da schnitzeln sie an den Bogen, und schnitzeln sie immerfort und wundern sich, wenn das feine Ding hernach zerbricht. Pygmäengeschlecht, dass den Riesen, den ein glücklicher Zufall an ihren öden Strand geworfen, mit tausend und abertausend Fäden regungslos an die platte Erde fesselt.“ (Oswalt Stein in: Problematische Naturen 1861)

Finde die weltliterarischen Anspielungen!

Dieser elendlange Nachmärz da im 19. Jahrhundert muss sich ähnlich angefühlt haben wie das DDRische Biedermeier der 60er und 70er, oder der Kohl‘sche Stillstand der 80er im Westen. Herbeigesehnte Erlöser jedoch entpuppten sich bis auf weiteres als Scharlatane, an die man sich hinterher gar nicht mehr gern erinnert, während irgendwo in der Volksseele schon wieder die Vorfreude auf den nächsten Massenenttäuscher keimt.

Die Welt scheint aus den Fugen.

Die Amis haben demnächst die Wahl zwischen Margot Honecker und Schalck-Golodkowski und hoffen irrsinnigerweise auf „amerikanskije Perestroika“, die schon Obama nicht liefern konnte. Falls Trump gewinnt, hoffen wir mal, dass es ähnlich glimpflich abgeht, wie damals mit Reagan. Dem B-Movie-Sheriff.

2017 sind WIR dann wieder dran und die Auswahl ist nicht viel besser: Nein ich schreib‘s nicht hin. Ich erblinde, wenn ich den Personalbestand möglicher Kanzlerkandidaten lesen muss.

Es bröckelt überall.

Der Apfel vom Baume der Erkenntnis wurde eben damals nur angebissen, nicht aufgegessen, weshalb wir bis auf weiteres unsere Probleme zwar erkennen, aber nicht beheben werden.

Zeit sich abzuwenden. Time waits for no one.

Melitta trat aus dem Portale rasch auf ihr Pferd zu. Der alte Baron half ihr in den Sattel.(…)

„Alez, Bella!“ und so sprengte Melitta vom Schlosshof hinein in den dämmrigen Abend.

Und Bludgeon mit ihr…

spielhagen

 

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21 Gedanken zu “Melitta

  1. Bespaßen auf hohem Ross, mein Lieber, bleibt immer noch Bespaßen. Von wegen nix und niemand. Da lässt du ein ganzes Volk sich frohgemut wieder und wieder vergaloppieren und schließlich im Dreck landen und nennst das „nix geschieht“ – „…während irgendwo in der Volksseele schon wieder die Vorfreude auf den nächsten Massenenttäuscher keimt.“

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    • Na das nenn ich nu aber Kontextverstümmelung: „niemanden bespaßen müssen“ bezog sich auf den friedlichen Moment. Die „Vorfreude auf die nächsten Scharlatane“ auf den allgemeinen Langzeittrend.
      Da seh ich einen gewissen Unterschied. 😉

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  2. „Der fremde Mann, den sie durch ihre Besitzung führte, war ihr so vertraut, als kenne sie ihn schon seit vielen, vielen Jahren, als habe sie ihn immer gekannt; und was sie seit Jahren tagtäglich gesehen, erschien ihr jetzt beinahe fremd. “
    Nicht die schlechtesten Voraussetzungen für einen Ausritt..

    Und was auch noch einer Erwähnung wert ist:
    „Sie trug ein weißes Kleid, das in anmutigen Linien den schlanken Leib umfloss und Busen und Schultern nur zu verhüllen schien, um die schönen Formen desto reizender zu umschreiben.“

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  3. »Ach«, ( … ) »das ist eine lange Geschichte und ein Beispiel jener närrischen Einfälle, von denen ich, wie Sie, heimgesucht werde, und die freilich bei mir meistens an das Gebiet der dummen Einfälle streifen.“

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  4. „Dies Buch zum Beispiel sagt mir: Frau von(Leserin) sollte mich dringend zuende lesen, da es nicht soviel bessere Bücher gibt.“ (Stark verändertes Zitat, weil:)

    „des Mannes Kopf besser, das heißt nicht schneller, aber gründlicher, sicherer denkt,…“(unverändertes Zitat)

    Aber jetzt bitte nicht wieder mit dem Matriarchat kommen 🙂 war nur Spaß.

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    • „Sie lächeln, o mein Freund, dass mich eine bloße Hypothese, ein bloßes Problema so in Aufregung versetzen kann.“
      Aber lächeln Sie nur weiter, ich verkneife mir das Matriarchat…

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  5. Dein Text gefällt mir. Mir gefällt, wie er fein verwoben daherkommt. Die Beschreibung eines Nachmittags, der einem einfach so geschenkt wird. Und dann assoziativ zwischen Literatur und Musik hin und her schwingt und sich am Ende in einer Illustration bündelt.

    Dass bei mir manches anders anklingt versteht sich. Zu Melitta fällt mir spontan ein Kaffeefilter ein, auf die singende Frau wäre ich nie gekommen. Und bei Van the Man ist es allenfalls der Text, der mich anspricht. „Die Welt scheint aus den Fugen“, ja, so sieht es derzeit wirklich aus. Aber es ist doch auch eine Einladung dazu, etwas dagegen zu stellen. Jeder einzelne Mensch kann das nach seinem Können tun..

    Was mir auch gefällt ist das kommentatorische Zweigespräch zwischen Ihnen, Frau Leserin und dir. Klasse!

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      • Schönen Dank für den Hinweis. Ich habe nur Astral Weeks (1968) von Van M. hier stehen.
        Es war meine erste Scheibe von ihm. Danach hats keine andere mehr bis ins Herz geschafft, warum auch immer.

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      • Astral weeks wiederum hat bei mir nichts bewirkt, aber die „Beautiful Vision“ und die „Enlightenment“ möcht ich nicht missen. „still I’m suffering, thats my problem, enlightenment, don’t know, what it is…“

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  6. Also, wäre ich überheblich, dann tät ich meinen, diese ganze wunderbare Schreibe und die trefflichen Kommentare dazu seien wirklich pünktlich als Geburtstagsgeschenk zu meiner Erbauung erschaffen worden! Bin aber bescheiden und sag Wow! „Ein Mann tut uns noth“ – überles ich mal lieber, weil ein so schöner Tag ist in Deinem Garten…so ein paar Sachen tät ich vielleicht bei Bierchen gern mal genauer nachfragen…aber ich les einfach waaahnsinnig gern, was Du und wie Du´s schreibst! Liebe Grüsse

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