Nachtfahrt

 

Neulich Ostersamstag auf Tour zwischen der gewesenen und der nicht sein könnenden Heimat – 300 km Nachfahrt gen Norden. Allein. Mit 139 PS und dem Sound der Erinnerungen.

Man soll ja Radio anhaben, wegen der Stauwarnungen. Aber Radio 2016 grenzt an akkustische Körperverletzung. Fällt also aus! Außerdem steh ich eh immer in dem Stau, der nicht in den Verkehrshinweisen vorkommt. Erfahrungswerte aus den 90ern. Radio erreicht mich nicht mehr. Vergangenheit; wie die Gier nach Lizenzplatten und alten Schwarten.

Aber diese Vehikel der Neuzeit haben einen Sound, der unter Umständen besser ist, als der zuhause im individualen Rocktempel. Sowas darf nicht ungenutzt bleiben! Also wird always der eigens kompilierte Soundtrack mitgeführt und sometimes passt es perfekt, wie diesmal:

Die Autobahn halbleer; das Wetter bestens; Feiertagsstimmung; alles, was jetzt noch rollt, rollt vernünftig. Tempomate eingerastet bei gemütlichen 115, 118, 120… Kein Tiefflieger von hinten überrascht dich, wenn du auf der mittleren Spur an einem der raren Brummis vorbeischwebst…

Kurz fällt dir der Niedecken ein: „Lischterkette locke, Fernweh brennt…“ – nee, eigentlich nicht mehr.

Deshalb gibt’s stattdessen bis kurz hinters Schkeuditzer Kreuz noch eine ganze Weile Billy Bragg. Dann aber Druck aufs Knöpfchen, helfender Faustschlag aufs Armaturenbrett: Der Schlitz spuckt die CD gehorsam aus und schluckt die nächste: Das eigentliche Nachtprogramm kann starten:

kommtdiezeitLos geht es mit STS „Es kommt die Zeit“. Eigentlich stammt das von Neil Young und hieß mal „Comes a time“, ist auch nicht wörtlich nachempfunden worden, nicht mal sinngemäß, aber trotzdem rührselig schön.

Denn die Lieder klingen noch und i wunder mi doss i noch singen moag noach oall der Zeit, kommt die Zeit….“

Der Idylle folgt die Galle: Die Ablösung übernimmt St. Georg, der Danzer. Musikalisch bruchlos, textlich kontrastierend:

„Feine Leute schwitzen nie, fahrn auch nie zur Arbeit …“

Mit DER Platte damals war er voll auf der Höhe! Die Assoziationen und Erinnerungen tanzen Ringelreihn. Rundum Dessau, wo man meint, man fährt im Kreis, der vielen Dessau-Ausfahrten wegen: Dessau Süd, Dessau Ost, Dessau-Nordost, Dessau-Wolfen, Dessau Nord/Nordost, Dessau-Bauhaushausen, Dessau-Nord…

Reaching Ostelbien with Reichel, formally known as Rattle, dem lonesome Barden from the North:

„Ich hab von dir geträumt, du hieltest meine Haaaaaand…“

Der Kopp bleibt beschäftigt, way back in den frühen 80ern. Weg ins Leben nach der „Asche“. Weg in die Liebe, die dauern sollte. Briefe (Soags mir, wo die Briefe sind!) voller Reichel/Danzer/Witt Zitate. Existenzialisten-Phase, auch Studenten-Macke genannt: pankowSommers im alten Trenchcoat, winters schwarzer Gestapo-Mantel, wie ihn Pankow auf dem zensierten „KillekillePankow“-Poster tragen; Badges am Revers: Tom Robinson, Sticker aus Talinn, PUNK ist – wenn man trotzdem lacht! Den Skalp zur Hindenburgbürste gestutzt, am Vollbart wird noch gezüchtet.

„Hallo Engel! Musst du wirklich schon geh’n?“

Waggershausen kopierte den Stil der großen Österreicher, wurde der „Sanfte Rebel“ und saß an der Goldader vieler toller Songs. Der Rock&Roll war erst knappe 30, die meisten Protagonisten noch am Leben und da kam das anheimelnd gut, an die toten Vorreiter zu erinnern.

Der Tod will gefeiert sein so um die 24, wenn noch nicht raus ist, ob man die himmlischen Heerscharen mit 26 bereits verstärken wird oder eben länger „anders“ ist. Man kann ja nie wissen! Jaja!

Tierisch in die Bars zu gehn.

teuflischHeißt die nächste Nummer, vom unnachahmlichen Kiev Stingl

Tierisch, wenn dich Babies sehn…

und seiner raren „Teuflisch“ LP; mir aber (dem NDR 2 Club sei Dank) zusammen mit 3 anderen Songs einst aufs Band geraten und fortan gehütet, bis die Mauer fiel:

… und der Wind bläst in ihn hinein! Die Melodie vom NEIN!

Draußen rauscht ein Abfahrtschild nach dem anderen vorbei …I’m the Passanger, I ride and I ride…Over the city’s ripped backsides…. Abfahrt Beelitz-Heilstätten fliegt vorbei. Gibt’s das eigentlich als Ort oder nur noch als Ruinen-Ensemble? Iggy Pop würde wunderbar zu Kiev Stingl passen; aber heutnacht geht es ausschließlich auf Deutsch weiter:

„Ich bin wieder in einer fremden Stadt gelandet, …“

Reichel noch mal; unter anderem wegen der Zeile:

„…ich geh am Knast vorbei und richtig – da liegt die Candy-Bar

Einer liegt davor und reibt sich’s Blut vom Gesicht.

Der hat sicherlich auch gehört:

Mach dich lieber woanders hin, du!

Ich sag: Nur zu mein Freund!

Überall ist diese Neonlicht!“

Jaja, der Knast. … lag 12 Jahre lang auf meinem Schulweg. Eine Candy-Bar gab’s nicht. Neonlicht – auch nicht. Prügel schon. Dann und wann. Es folgt ein Zoobesuch der besonderen Art:

„Vor ein paar Tagen ging ich in den Zoo….“

St.Georg zum zweiten, weil die Umstände, gerade DIESE Platte während der Fahne-Zeit super-subversiv kennen gelernt zu haben, schon GAAANZ besondere sind.

„Die Freiheit ist ein ganz besondres Tier! Und manche Menschen haben Angst vor ihr!“

Aus einem inzwischen unübersehbaren Song-Pool schafft es eine Handvoll Immerwiederlieder fast jedes Mal in die Soundtracks für „on the road“! Danzers „Freiheit“ ist so einer. Reichels „Blues in Blond“ sowieso und Waggershausen, dem der Teufel über die Schulter schaut, zählt auch dazu:

 „Auf dem Balkon im 20. Stock im Hotel…“

Aber auch er hier:

 „Wir sind schwarz oder weiß, gelb oder rot und von Zeit zu Zeit schlägt man uns irgendwo tot…wir herrschen nicht und wir sind keine Sklaven, weil wir das Saatkorn der Freiheit im Herzen tragen….“

 

kinderdernachtMario Hené; „Kinder der Nacht“, unbekannt geblieben, wie nur was. Wie zuvor schon Stingl ein Song-Schatz des Zufalls aus ganz frühen Radiosender-plünder-Tagen, dessen Güte so richtig erst aufging, mit dem Erfahrungssack auf dem Buckel, den zunächst die Wehrpflicht füllte. Vorübergehend frei und gierig… während die Zeit verrann und der Bart wuchs. Heute immernoch gemocht. Nachgereift sozusagen:

 „Wir sind das Gespenst, das den Bürger erschreckt, weil es etwas in ihm zum Leben erweckt, das ihn nachts manchmal quält, wenn er schlaflos die Sterne zählt!“

Und dazu jault die Gitarre so melancholisch-dramatisch, wie bei Reichel, wenn er Sturmböen skizziert.

Und deshalb muss der nun unbedingt auch folgen, mit seinen „Fliegenden Pferden“, die im Refrain aufgreifen, was die Hamburger Band Novalis anno 77 (noch unter Reichels Produzenten-Fittichen) als Cover für ihre 4. LP verwendete pferdeund was wiederum so ein typischer Nordlandmythos ist: „Wo Nordseewellen trecken an den Strand“ – obwohl das Bild an sich aus Griechenland stammt und dort Poseidon darstellen soll. Allerdings ist es ein Auftragswerk des letzten Deutschen Kaisers, der seine Datsche dort unten schmücken lassen wollte. Von einem deutschen Maler. Sind also die „Franken“ die Erben der „Helenen“, wie es einst lang und breit bewiesen werden sollte, als sich ein junges Reich altertümliche Bedeutsamkeit ersann?

Zeitsprung:

„Hey oaldor Liedersänger spiel an Song für miech.“

STS zum Zweiten. Dylans „Mr. Tambourine man“ erkennt man nur sporadisch, aber, wie oben bei der Neil Young Version, – die Steiermärker haben in ihren besten Momenten etwas absolut Magisches. Erst 4 Jahre ist es her, da hatte ich eine ganz intensive Phase Steinbäcker, Timischl und Schiffkowitz. (Da kommor scho amol Dankschön soang!)

Und weil wir mit DEM Song praktisch schon in der Bar sind, folgt unweigerlich das Hotelzimmer auf dem Fuße: Reichel einmal mehr: Bitte nicht stören!

„Im Gästebuch, da warn wir Mann und Frau und für’n Trinkgeld hat’s der Nachtportier geglaubt…“

Derartige sündige Nächte bauen auf, aber man soll auch für sie büßen; womit wir bei Joachim Witts gebrochenem Heldentum wären: Sonnehatsiegesagt, Sonnehatsiegesagt….

sonnhatsiegesagtDer kleine Bruder von Kraftwerks „Autobahn“. Ein rauschhafter 9Minüter. Gleichmäßig hämmert die Rhythmussektion und drüber dieser Schwebesound, der die geisterhaft rezitierten Lyrics ummantelt:

„Violett zeigt sich das Himmelszelt,
Pharmazie heißt unsere neue Welt.“

ssssssssssSSSSSSSSSSSsssssssssssthhhhhhhhhhhhhhhh!

„Rock&Roll und graue Schläfen!/Wer hätte das Gedacht!/Die andern sind Abteilungsleiter!/Wir reiten durch die Nacht!“

Reichel zum letzten. Der Soundtrack nähert sich fast dem Ende zu. Da ist dieser „Boogie!“ in Status Quo Vermächtnis Rumpelung noch mal genau richtig.

Wir setzen zur Landung an – in der eigenen Einfahrt – und die übernimmt Joachim Witt:

 „Wieeeeeder! Bin ich nicht geflogen! Wieder krieg ich nicht den Bogen!“

 

Der Rausch verfliegt. Der Alltag hat mich wieder.

Tor auf. Reinfahrn. Tor zu.

Gute Nacht.

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11 Gedanken zu “Nachtfahrt

  1. Für Ihre vielen und guten Musiktipps brauchte ich ein wenig Zeit.

    Radio duddelt bei mir kaum noch, ich fahre aber auch nicht Auto;-) .
    Manchmal ein bisschen SWR 2…

    Tür zu ist oft eine gute Lösung…

    Frühlingsgrüße, Ihre Arabella

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    • Jo, das ist Beelitz. Den Ort gibts natürlich und dass der ein Krankenhaus haben kann, ist auch okay; dichtebei gibts/gabs aber Beelitz-Heilstätten, einen Gründerzeitlichen, sehr schicken Krankenhauskomplex, den die Russen bis 90 hatten. Honecker war dort noch kurz im Exil. Dann fiel der ein und geistert heute über diverse Fotoseiten als mystische Ruinenkulisse. Schade drum. Historisch wertvolle Bausubstanz verkommt da; komisch nur, dass anlässlich der Autobahnrenovierung auch die Abfahrt in dieses Nichts erneuert wurde: Deshalb meine Rätselei – ob da doch noch ein paar bewohnte Häuser stehen.

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      • Okay, wusste ich (natürlich) alles nicht, bin heute Morgen einfach über die Worte „Beelitz“ und „Krankenhaus“ in einer Zeile gestolpert.

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      • Diese und noch mindestens eine weitere Klinik (Reha für Kinder, man spricht auch russisch) befinden sich aber zumindest teilweise in den Orginalgebäuden.
        Die Verprivatisierung des Gesundheitswesens: Rollt der Rubel, rollt die Sanierung.
        Würde ich sofort in Augenschein nehmen, wenn ich in der Nähe wäre.

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  2. Gute Güte, Du gräbst Sachen aus…
    Den Hené kennt ja selbst im Westen keiner. Lieber allein als gemeinsam einsam steht hier auf Vinyl, weil das Titelstück, nunja..so genau weiß ich das nicht mehr. Wird aber sicher was mit ner Frau zu tun gehabt haben. Gott sei Dank hat von denen keine Waggershausen gehört, den fand ich immer furchtbar.
    Der Qual mit dem Autoradio setzte ich mich schon lange nicht mehr aus, das letzte hab ich in weiser Voraussicht mit USB-Port gekauft. 16 GB reichen für viele lange Kilometer.

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    • Jo, der Hené hats mir irgendwie angetan. Mann, hab ich mich gefreut, als ich ihn in amazonien wiederentdeckte! Aber glücklicherweise gibt es Hörproben. Seitdem weiß ich, warum es mit seiner Songwriterkarriere nicht geklappt hat. 4 Songs von 3 LPs waren die magere Ausbeute. Andererseits sind die „Kinder der Nacht“ ein genialischer Moment, musikalisch, textlich, stimmlich – Inselsong.
      Waggershausenhasser? Warum bloß? Dessen Platten würd ich gern all den Ätherwellenverstopfern der Wimmerfraktion um die Ohrendreschen: Hier du Affe! So jammert man richtig! Das ist Melancholie und kein Pennälergewinsel!

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  3. Das Cover von „Brandung“ liess mich nicht los. Da musste ich mich doch in mich reinsetzen und ausnahmsweise nachdenken. Irgendwann kam die Erlösung: Ich habe vor dem Bild mehr als die berühmten 11 Sekunden in der „Neuen Pinakothek“ verbracht.
    Es stammt von Walter Crane, der durch die Brandung dazu angeregt wurde, die er bei einer Amerikareise sah. Crane war Engländer und das Werk ist vermutlich einem Bild seines Freundes George Friedrich Watts nachempfunden. In die Pinakothek kam es 1964 durch eine Schenkung von Ernst von Siemens.
    Der Band wurde es durch Achim Reichel empfohlen.
    (Quelle: Ausstellungskatalog der Neuen Pinakothek)

    Gefällt 1 Person

    • Hui man lernt nie aus. Den Crane hielt ich für einen Deutschen. tstststst….
      Kunstbanause, der ich bin…
      Bei Wiki oder sonstwo hab ich mal gelesen, dass das Bild zur Ausschmückung eines Ferienschlosses von Wilhelm II. in Griechenland bestimmt war. Dass es inzwischen nach München kam —- wow!
      Und warum gehörte es zwischenzeitlich Siemens?
      Beutekunst aus der „arischen“ Zeit?

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