Alois Nebel

Alles über Graphic-Novel und Filminhalt findet sich hier.

Episode 1:  Das Filmerlebnis

B-Ware-Kino Berlin. Februar 2014.
Ein „Kenner-Kino“. Hardcore-Alternative! Vorne Café, dahinter verschlungene Flure als Videothek und DAHINTER das Kinosälchen. Zirka 60 Plätze. Kinogestühl; unterschiedlichste Stile und Bezüge.

Er hat ein paar Tage frei. Es ist mitten in der Woche. Mittags.
Er hat eine Karte gelöst und nun das Kino für sich allein. Der Film wird trotzdem gezeigt:

„Alois Nebel“.

Der einzige Besucher geniest die zufällige Einsamkeit.
Ausgerechnet bei diesem Film kommt das wie bestellt.
Er kennt den Comic-Roman seit einem Jahr und die Thematik von Geburt an.
Nichts wäre schlimmer, als Popcorn fressende, unwillkommene Kicherer, pubertäre Kommentare und Toilettenrenner!
Der Film beginnt an einer Bahnschranke:
Er hat selber viele, viele Zug-Reisen zu den östlichen Nachbarn hinter sich und erkennt alles wieder: Die betuliche Langsamkeit, das Geschacher, die Bahnhofstristesse, der tropfende Wasserhahn auf dem Bahnsteig… Aber auch alles andere lässt sich leicht ins DDRische wenden: Diese allzu wohlbekannte Kliniksituation beispielsweise (wenn auch selber nicht in der Psychiatrie erfahren), diese prollige Silvesterfeier da, die Solidarität der Loser…Mimik und Gestik kommen in dieser rotoskopischen Form um einiges eindringlicher, als das echte Schauspieler überhaupt schaffen würden! Man hat zwar zunächst alles real gedreht, dann jedoch den Film schwarz weiß übermalt. Das schafft Düsternis und Dichte. Der Film zieht ihn hinein ins Celluloid. Er erzählt stringenter als die Comicvorlage.

ereinis 1-001nebelAls die Axt hernieder fällt, klatscht er spontan Applaus. Ja!
Dann noch mal der Bahnübergang in Großaufnahme. Dann Schwarzblende. Dann Abspann. Zu „Mimosezona“ von Priessnitz.

Er sitzt immer noch und starrt an die Leinwand. Die Arme auf den Lehnen der Vorreihe, die Hände stützen die Wangen. Er versucht den Sturm der Bilder in seinem Kopf unter Kontrolle zu kriegen. „Mann-Mann-Mann!“ Denkt er das nur – oder hat er’s auch ausgesprochen? Ein wunderbarer Film. Ach wär’ der doch 10-15 Jahre früher gekommen! Da war Vater noch reger; zum Reflektieren in der Lage – und man hätte sich GEMEINSAM freuen können.

Als er an diesem Punkt seiner Betrachtungen angelangt ist, bewegt sich neben ihm der Vorhang, der den Eingang verdeckt. Der Wirt und Kinokartenverkäufer kommt schon nachsehen, ob sein einsamer Kinobesucher noch lebt.

Der reagiert aber kerngesund auf dieses mahnende Erscheinen: „Alles okay, ich geh’schon.“
Er steht auf und verlässt das Kino. Morgen wird er wiederkommen und die Aktion wiederholen. Es gelingt zum zweiten Mal: Einziger Gast. Der Wirt staunt beim Überreichen der Kinokarte: „Soooo schön war’s gestern?“

Episode 2:   Der Sturm der Erinnerungen

Ich trete in den sonnigen Februartag an der Straßenkreuzung.
Geblendet und immer noch „im Film“.
Ich kenne den Weg in Richtung U-Bahn und laufe los. Nach ein paar Schritten erwache ich kurz und drehe mich um: Da war doch die Kreuzung! Das is’hier Berlin! War da ne Ampel? Wie bin ich rüber gekommen?
Aber an Notbremsungsquietschen kann ich mich nicht erinnern, also war keine Gefahr.
Im ersten besten Straßen-Café lass ich mich auf einen Stuhl fallen. In mir singen immer noch Priessnitz das Lied vom Abspann und um mich rum schweben die Gesichter in ihrer rotoskopischen Eindringlichkeit stumm, denn zusätzlich erschallen die Wortfetzen der Jahrzehnte. Großeltern und Eltern auf Erinnerungs-Rallye:

„Jesus Christus hat 3x im Leben geweint: einmal bei der Geburt, einmal bei der Kreuzigung und dann noch als’n sei‘ Mutter wollt eis Biehmsche schicken.“

„Antek und Frantek woarn beim Militääär. Antek hoad koan Helm noch nicht und Frantek ka Geweeehr!“

„… den Kribbetz Franz, den ham dann die Tschechen dorschloang.“

„Die Russen ham bei uns s Ei’geweckte zerschossn, weil’s kee Schnaps war – und die ganze Wohnung ruiniert, aber dann hamse och aus’m Fenster geschossen auf die Tschechn gegenüber, di dort o’gefang hoam zu plündern.“

„Auf eines Berges hohes im Lande der TschesKa, da hoad amol gestanden a goldne Kapplitschka….“

„…und der fesche Herr Cheeeeef vo’doar Tuchfabrike….“

„Unse sozialistischen Brieder! Worum sein de Tschechn unse Briedor und nich unse Freunde? Freunde kommor sich aussuchnn.“

„Meine Karl May Bicher hoann jetz de Tschechn. Das heest, die wernse längst ham verhökert an die dummen Deutschen, die’n de Beute nu och noch abkoofm.“

„…än Jochen sei Brauerei-Gespann sicherlich ooch. Das war ä schienes großes Lineol-Gespann.“

„ … als se uns ham endlich off Transport gelassen, hamse uns wolln noch vergiften. Die Lebensmittel waorn verdorben. Die Mutti hatt die ganze Fahrt gekotzt. Alse uns ham ausgeloaden ei Graal Müritz, war die Hilde scho’weggetreten; da habbich gedacht: Jetz’ wirste sein Witwer; mit 4 klenn Kindern. Mir andern hottn joa nischt gefressn von dähm Zeuge.“

„Überlebt habbich ja doooch, aber dosde Kinder ham ins Heim gemusst, solange,  das war schlimm.“

„….und do guckt sich vorgestern der Zahnarzt mein Abdruck oa und fragt: Hoatten Se moal vor Joahrn an Kieferbruch… sisste, jetz wess iech, doasse mir hoamm’n ganzen Kiefer gebrochn, als ich musst of Saatz marschiern ei Gefangenschaft…“

„…heirate, wen de willst, aber bring mir keene Tschechin an! Da is Feierahmd!“

Plötzlich die Frage: „Sie wünschen?“

Ich schrecke hoch: (Was? Äh. Ach.) „Pott Kaffe Creme.“
Und bin schon wieder abgetaucht.

 

Episode 3:  Die Verarbeitung
In der Comic-Version von Alois Nebel gibt es viele gute Fragen zum Thema „Odsun“, also Vertreibung. Ich habe den Comic nicht zur Hand und versuche mich zu erinnern:

„ Als die Goldsucher kamen, wurden sie hier nicht glücklich. Sie soffen, stritten und starben schnell. Es stimmte etwas nicht zwischen ihnen und den alten Häusern.“

„Warum verlaufen sich noch heute so viele im Altvatergebirge? Weil unter den neuen Wegmarkierungen immer wieder die alten deutschen zum Vorschein kommen. Geschichte lässt sich nicht übertünchen.“

Jaroslav Rudiš und Jaromir 99 (Jaromír Švejdík) sind meine Generation bzw. die meines Bruders. Babyboomerjahrgänge. In den behüteten Zeiten eines Kalten Krieges mit vielen Tabus aufgewachsen. Es ging ihnen ähnlich wie mir:

„Das fragste aber nicht in der Schule! Das erzählste aber nicht deiner Klassenlehrerin!“

Oder sogar noch ein bisschen schlimmer als mir, denn die Tabus waren in der CSSR noch größer. Als wieder Frieden einkehrt, wird selbst den Tschechen die übertriebene Härte von damals peinlich. Eine Versöhnungsgeste, wie seitens der deutsch-polnischen Bischöfe Anfang der 70er Jahre gab es aber nie. Lieber klammert man sich an Legenden und verehrt „Partisanen“, die oftmals keine sind. Auch davon erzählt der Film.

Er entstand, weil Rudis und Švejdík in Lomnitz(Lomnice nad Popelkau) und Freiwaldau(Jesenik) heranwuchsen und in ihrer Jugend Fragen stellten, auf die sie Antworten bekamen, deren Dürftigkeit sie bereits als Teenager durchschauen konnten:
Da leben nun Tschechen im ehemaligen Sudetenland, das bis in die 90er Jahre immer noch voller abblätternder deutscher Inschriften ist und wenn sie Fragen haben, wie sie hier her kommen, wird die Geschichte zurecht gebogen.
Wenn man beispielsweise die Frage stellt, weshalb die Heydrich-Attentäter aus London eingeflogen werden mussten, ob’s keine Inlandpartisanen gab ….
Oder: Wer zog eigentlich in die herrenlos gewordenen Judenhäuser … ist vor 1990 mit Konsequenzen zu rechnen, die in schöner altstalinistischer Tradition mal mehr mal weniger drastisch ausfallen konnten. Sodann wird vom heldenhaften Partisanenkampf berichtet. Aktionen, die es entweder nicht gab, oder die erst im Mai 45 datiert sind, im Schlepptau der Roten Armee.

Wir sind die Generation der Nachhaker. Naja, nicht alle. Aber einige.Wir geben uns nicht zufrieden mit Klischeephrasen.Auf unserer Seite des Erzgebirges über die Lager des NKWD und auf der anderen Seite über die „Niemze“, die das dort alles hinterlassen haben.

Wir haben gelernt, dass „das blöde Volk immer nach einfachen Antworten sucht“, wenn in der Geschichte mal was misslang. Es hat diese einfachen Antworten stets bekommen, aber: „Ob der Jude oder der Russe schuld hat“ – es war immer ein Fake.

Diese einmal erworbene Gabe der Reflektion funktioniert auch in die andere Richtung:

„Die Mehrheit der Sudetendeutschen ist selber schuld, weil sie sich von Hitler vereinnahmen ließen…“ – ist ebenfalls höchstens die halbe Wahrheit.

Es gibt unzählige Dokus über den Untergang des deutschen Ostens weiter nördlich und die Lage ist übersichtlich: Auf deutschen Terror nach dem Blitzkrieg folgte die polnische Rache der Vertreibung.

Über die Sudetenlandzusammenhänge sind die Aufarbeitungen bisher nie über dürftige Ansätze hinausgekommen. Zuviele unangenehme Erkenntnisse über das tschechische Selbstverständnis schlummern da.

Rudiš und Jaromir99 sind Künstler, keine Historiker. Es ist ihnen gelungen, sich an einen heiklen Punkt ihrer Geschichte zu wagen, und NICHT zu scheitern. Sie lüften den Teppich, unter dem es stinkt. Die offizielle Geschichtsschreibung des Landes hätte ihn gern drüber gelassen. Aber:

Geschichte kann man nicht übertünchen.(Alois Nebel)

Rudiš und Jaromir99 erzählen eine sehr spannende – voller Härten, die gerade deswegen versöhnen hilft. Ihre Leistung zeigt Wirkung:

Seit 2013 heißt ein Regionalzug im Altvatergebirge „Alois Nebel Express“.

Wer mehr zum Thema wissen will:
http://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/das-deutsche-protektorat-boehmen-und-maehren-1939-1945-und-seine-tschechischen-kollaborateure/

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28 Gedanken zu “Alois Nebel

  1. MannMannMann Bludgie! Heule hier die Tastatur voll und meine Karlsbader Mutter schaut mich so wissend an von den Sternen herunter…Mann, ist das ein Text geworden, da reicht einmal lesen nicht, da steht soviel drin, soviele Leben sind durch Dein Herz gelaufen und schauen auf uns, die wir so wenig wissen…“Geschichte kann man nicht übertünchen“,,,wie wahr! Weißt Du was, diesen Text müsstest Du nach der Filmvorstellung vortragen, da stimmt einfach alles, und der einzige Wunsch, den ich hätte, wäre, dabei zu sein! Freu mich so, daß Du das geschrieben hast, ja, und vor allem, wie! Du kannst es! Sofort werde ich mir den Film besorgen, hoffentlich machen das gaaaaanz viele andere auch! Vielen Dank und Grüsse an Dich

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  2. Das klang alles so interessant, dass ich schon gucken wollte in welchem Kino der gerade läuft. Bevor ich mich über die Hamburger Kinos aufregen konnte hab ich aber noch den FSK 12 Sticker auf dem Foto gesehen und mir den auf BluRay bestellt. Binschjamalgespannt…

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    • Da würd ich gern neben dir sitzen, wenn de den guckst – vergiss bloß ja nicht deinen Eindruck mitzuteilen. Bist dann einer von vielleicht einhundert Mann in Deutschland, die den kennen.
      Ein Erfolg war er leider nur in Tschechien. Was wiedermal zeigt, wie weit es mit dem Volk der Dichter und der Denker her ist. Wenn keene Autos fliegen oder keen Tarantino Hektoliter Ketch up zweckentfremdet – jeh mor nich hin.

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      • Geht das auch so, oder sollte man eventuell zwecks besserem Verständnis den Comic vorher gelesen haben?
        Sonst kommste halt vorbei 😀

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      • Na das ist halt wie immer. Der Comic-Roman (deutsche Ausgabe) ist ein sehr dicker Wälzer, da haben die für den Film schon einiges weggelassen.
        Andererseits ist mein Eindruck, dass die bei der deutschen Ausgabe des Comics auch so einiges weggelassen haben müssen, denn da sind so Handlungsbrüche drin, die man zwar zu „Kunst“ erklären kann,die vielleicht aber nur „Zensur“ gewesen sind.
        Der Film hat diese Brüche nicht, ist sehr logisch erzählt.
        Obendrein hat der Film auch ein anderes -und wie ich finde – besseres Ende. Also man versteht ihn ohne Probleme auch so.

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  3. Text verschlungen, Link verschlungen. Danke! Hinter dem Link verbirgt sich eine Schatztruhe, von deren Existenz ich noch nicht mal geahnt habe. Ganz herzlichen Dank.

    Das Zitat von Görings Lobrede auf den Polnischen General Piłsudski hat mir glatt den Vogel raus gehauen. Es ist mir absolut unbegreiflich, welche Verrenkungen Menschen mit ihrem Gehirn zustande bringen. Vertreten und nehmen in Angriff die Unterwerfung und letztlich Ausrottung der polnischen „Untermenschen“ um Lebensraum für die überlegenen Arier zu schaffen. Und parallel dazu, freiwillig und öffentlich, DAS. Offenbar in friedlicher Koexistenz in ein und demselben Hirn. Unfasslich. Wie der ganze 1000 jährige Wahnsinn.

    Ich habe einmal in Interviews mit ehemaligen Soldaten gelesen, dass Frauen und Mädchen aus der jüdischen Bevölkerung sowjetischer Orte, in der Nacht vor der Erschießung durch dafür abkommandierte Wehrmachtssoldaten, sich zu diesen in die Betten gelegt haben, in der wahnwitzigen Hoffnung, ihr Leben retten zu können. Für viele war es wohl das erste Mal und alle haben sich sicher die größte Mühe gegeben. Viele der Soldaten haben, an dieser Stelle die Blutschande hintenanstellend, mit den Frauen geschlafen. Und sie am nächsten Tag erschossen, wie alle anderen. Ich frage mich bis heute: Was haben die sich in ihrem Gehirn zurecht gelegt, um das überhaupt hinzukriegen, erst der Geliebte einer Frau zu sein und ein paar Stunden später – ihr Mörder?
    Und was haben die nach Ablauf der 1000 Jahre, als der ganze Wahn der Rassenschande in sich selbst zusammen gebrochen ist, wie die deutschen Städte, über sich selbst gedacht?

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    • „Was haben die sich in ihrem Hirn zurecht gelegt, erst der Geliebte…“ – da steckt der Fehler. Die habe das nicht mit Liebe verwechselt. Die sich so verhielten, das waren die Stumpfen. Für die war’s ein Gratis-Puffbesuch. Die Sensiblen, die zu Liebe fähig gewesen wären, haben sich weggeduckt, (oder ein „Tarngrinsen“ aufgesetzt) wenn ihre „Kameraden“ hinterher prahlten.
      Zwischen Trieb und Hirn klafft ein Canyon.
      Es gibt ja auch das Phänomen in beiden Geschlechtern, dass man biologisch so programmiert ist, dass man ständig an den falschen Partnertyp gerät, obwohl man aus ein oder zwei Reinfällen rational hätte lernen können.
      Ratio zieht immer den kürzeren.
      Oder wie tickt die vermeintlich „beste Freundin“, der frau die geheimsten Geheimnisse erzählt, die dann aber Stunden später mit einer anderen Frau darüber lacht, weil sie wiederum eher die andere gern zur „besten Freundin“ hätte?
      Politische Überzeugungswechsel nach System-Change – Lernprozess oder Selbsterhaltungstrieb?
      Nee-nee, diese „Verenkungen“ sind keine Phänomene – sondern Alltag.

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  4. Lieber Bludgeon, bezüglich der Göringrede habe ich mich heute umgesehen und festgestellt, dass sie ein Jahr nach dem deutsch-polnischen Nichtangriffsvertrag gehalten wurde. Da waren die Polen ja noch Freunde, zu Untermenschen wurden sie erst ein paar Jahre später. Alles klar.

    Ich habe heute Vormittag lange nach diesen Interviews mit den Wehrmachtssoldaten gesucht, sie aber nicht gefunden. Ich kann mich erinnern, dass ich sie irgendwo im Netz entdeckt habe, als ich mich einmal eine Nacht lang mit Oskar Dirlewanger beschäftigt habe. Dabei bin ich auf Unterlagen darüber gestoßen, WIE, nicht nur die SS, sondern auch ein Teil der Wehrmacht, systematische Progrome an der sowjetischen Zivilbevölkerung verübt haben. Ich habe mich schon wiederholt geärgert, diese Interviews nicht gespeichert zu haben. Manchmal schläft man einfach. Aus diesen Berichten weiß ich z. B., dass die Soldaten sich nach ihrer ersten Exekution stunden-, manche tagelang, übergeben mussten. Und seither weiß ich auch, dass, was „zum Kotzen ist“, zum Kotzen IST.
    Aus den Interviews geht hervor, dass diese Begegnungen zunächst einmal keine Vergewaltigungen waren, da die Frauen „freiwillig“ gekommen sind und sich „Heiterkeiten“ und eine gewisse Nähe eingestellt haben. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Frauen sich sehr anstrengten, ihr Leben zu retten. Dass die Soldaten mit ihnen geschlafen haben, erstaunt mich nicht, dass sie sie ein paar Stunden später töten konnten und dass sie beides wiederholt getan haben, das ist das Unfassbare.

    Der alles entschuldigenden Triebtheorie widerspreche ich auf das Heftigste.
    Ich weigere mich, Männer in letzter Konsequenz als triebgesteuerte Tiere betrachten zu müssen. Mir sind in meinem Leben sehr gute Männer begegnet, ich habe einen wunderbaren Sohn. Aber ich wurde auch mit gewalttätigen konfrontiert. Meine Erkenntnis ist, dass der sexuellen Gewalt gegen Frauen immer eine Verachtung von Frauen vorausgeht. Das ist ein Prozess, der zuallererst im Gehirn stattfindet und dann erst im Geschlechtsteil.

    Was Sie als „biologisch programmiert“ betrachten, halte ich für eine soziale Programmierung. Die Erfolge einer guten Psychotherapie und auch die von NLP sprechen eindeutig dafür.

    Die Institution „Beste Freundin“, und die männliche Sichtweise darauf, wie auch das weibliche Intrigieren generell sind eine Geschichte für sich. Aus meiner Sicht ist diese wiederum ein Aspekt der Geschichte des Patriarchates. (Ganz leichtes Grinsen auf meinem Gesicht)

    Einig sind wir uns aber in der Erkenntnis, dass die Ratio immer den kürzeren zieht.
    Oder auch: Die Vernunft kann einem leidtun, sie verliert eigentlich immer!

    Schönen Sonntag noch!
    Eine Leserin

    PS: Vor Alois Nebel habe ich gekniffen. Ich habs mir überlegt, den Trailer angeschaut und mir den Film dann nicht angesehen. Obwohl ich mir sicher war, dass er gut ist. Oder gerade deshalb. Ich habe vor Jahren einmal einen Zeichentrickfilm einer Iranerin über das Leben in Teheran gesehen, der hat mich mehr berührt als so mancher gefilmte. Inzwischen neige ich dazu, mich zu schonen.

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    • Unser Dissenz ist ein typisch geschlechtsspezifischer.
      „Frau“ will glauben, dass es diese Trieb-Programmierung nicht gibt, denn die LIEBE soll siegen. Das Gefühl.
      „Mann“ will nur nicht ewig streiten, gibt also irgendwann nach/oder auf – aber seine Ratio lässt ihn auch hinter den Nebel der Gefühle gucken. Ausnahmen in beiderlei Lager bestätigen die Regel.

      Aller Anfang ist Geilheit (siehe Freud), wird aber erzieherisch domestiziert, bricht in Kriegszeiten wieder durch. Kommt nun noch Rassismus dazu, werden die „niederen Rassen“ zu einem sprechenden Werkzeug, um dessen emotionale Verfassung man sich keine Gedanken machen muss. Fressen und gefressen werden. Simpler urzeitlicher Reflex.

      Man kennt ja die biographischen Phänomene, die gar keine sind, dass all die Schreibtischtäter und Lagerleiter – privat sympatische Väter sein konnten: Das eine ist der Dienst(eine Erscheinungsform der urzeitlichen Jagd) und das andere ist die Brutpflege. Beim weiblichen Lagerpersonal klappte das auch: Mutti lässt vormittags ein paar Häftlings-Kinder wegspritzen und macht sich nachmittags Sorgen ums Fieber des eigenen. Empathie für Untermenschen? Nö.

      Man kann einen Menschen nicht zu etwas erziehen, wozu er keine Veranlagung hat. Deshalb gelang der egoismusimmune selbstlose Kommunist nicht.

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  5. Trieb, Liebe, Gefühl, drei verschiedene Dinge. Wobei ich nicht behaupten möchte, zu wissen, was Liebe ist, am ehesten würde ich sie dem Bewusstsein zuordnen, wobei ich nicht behaupten möchte, zu wissen, was Bewusstsein ist.
    Schwierig wird´s, wenn man sie vermischt oder zu erzwingen versucht oder nachgibt und lügt oder halbwahrheitet. Werten ist auch gefährlich, dann wird leicht die Liebe verklärt und der Trieb verdammt. Dabei ist ein gesunder Trieb in der passenden Situation eine geniale Einrichtung.
    Wenn die Männer tatsächlich so zielsicher hinter die Nebel schauen könnten, hätten wir viel weniger unglückliche Beziehungen, weil sie dann gar nicht erst zustande kämen.
    Auch für Männer bricht eine Welt zusammen, wenn sie herausfinden, dass Frau nicht aus Liebe mit ihnen zusammen ist. Und sagt frau dann so einem Mann, dass er eine genitale Größe ist, oder ein toller Kumpel, der perfekte Vater, oder was weiß ich, wird ihn das keineswegs trösten, frau ist dann Schlampe.
    Aus meinem eigenen Erleben habe ich den Eindruck, dass der Mann spätestens ab 50 mehr hinter der „Liebe“ her ist als hinter irgendwas sonst. Vielleicht schwant ihm nebulös seine Pflegebedürftigkeit.

    Aber, Sie haben recht, ich, die ich eine Frau bin, will die Triebprogrammierung nicht glauben. Nicht weil ich stattdessen an die Liebe glauben will, sondern weil ich dem Mann Achtung entgegenbringen können muss, sonst kann ich mit ihm nicht zufreidenstellend interagieren. Nicht jeder Vergewaltiger hat Überdruck und nicht jeder Mann mit Überdruck vergewaltigt. Auch nicht im Krieg. „Aller Anfang ist Geilheit“, gut und schön. Aber was nach dem Anfang kommt, wie der Mensch mit seiner Geilheit umgeht, das bleibt eine Sache individueller Gestaltung. Selbst wenn es ums nackte Überleben geht, dient Sex zwar dem Fortbestand der Art, aber nicht dem individuellen Überleben. Deshalb ist fressen nicht gleich ficken.

    „Der Mensch lernt das Menschsein nur am Menschen“, angeblich von Novalis. Aus meiner Erfahrung eine tiefe Wahrheit. Wie sahen denn die Kinderstuben der kleinen Kommunisten aus? Das fängt ja schon damit an, dass es keine Stuben waren, sondern staatliche Einrichtungen. Die Liebe (und da halte ich genau dieses Wort für angebracht), die ein Mensch am Anfang erfährt, trägt ihn durch sein ganzes Leben. Und irgendwas sagt mir, dass Sie zu den Menschen gehören, die das ganz genau wissen.

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    • Bevor ich das jetzt alles kleinklein zerschreibe, verweise ich freundschaftlich auf die Einleitung meines vorangegangenen Kommentars – und gebe lieber auf. Ich seh das über weite Strecken anders.
      Ihr letzter Satz versöhnt mich immerhin. Danke. (Ironiefrei!)

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      • Ich nehme Ihre gestreckten Waffen und die meinigen und bringe sie zum Schmied, der macht Ackergerätschaften draus.
        Um die weiten Strecken wissen wir beide. Doch das erste Wort der zweiten Zeile macht mich froh.

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  6. Pingback: Damals im Altvatergebirge | Graugans

  7. Danke für den Bericht, die Hinweise darin und auch die Kommentare (von allen Seiten).

    Ich recherchiere momentan für eine anstehende Reise ins Gebiet, das vormals Ostpreussen hiess.
    Die Recherchen betreffen natürlich auch historische Vorgänge. Das bedeutet neben Treffen mit Offiziellen der Erinnerungsaufrechterhaltung auch, wo möglich, das eine oder andere Zeitzeugengespräche. Zudem habe ich persönliche Schriftquellen zur Flucht bzw. Vertreibung bekommen. Schier unglaublich, was Menschen anstellen und aushalten können.
    Inzwischen überlege ich mir manchmal, ob ich das wirklich alles wissen will. Und diese Frage stelle ausgerechnet ich mir.
    .

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    • Walter Kempowski ist über der Arbeit am „Echo-Lot“ schwer depressiv geworden. Der zweite Teil über die Fluchtzustände aus Ostpreussen (Fugia dingsbums – irgend so ein Untertitel)ist auch wirklich unerträglich – nicht vollständig lesbar(für mich) gewesen.

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      • Ja, der Herr Kempowski. Das ist die eine Seite privater belletristischer Verarbeitung.

        Was mich jedoch umtreibt, ist diese hartnäckige Ignoranz von Ursache und Wirkung der Flucht und Vertreibung. Die Sprache, wenn ich mir z.B. eine Rede auf dem 2014er Ostpreussentag anhöre.
        Und wenn ich in einer Doku sehen muss, wie „junge Ostpreussen“ (also, diejenigen die jenen Schössen entsprungen sind) sich mitten in Kaliningrad aufbauen und das Ostpreussenlied singen, dann muss ich mich schon kneifen um zu spüren, dass ich das wirklich höre und sehe.

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      • Naja belletristisch würde ich das nicht nennen, eher einen Quellenreigen der besonderen Art. (Also Sachbuch). Und das Liedersingen an diesem Ort wär‘ zunächst mal nicht anstößig, wenn der Zugang dorthin normaler organisierbar wäre. Dann käme nämlich auch eine gesunde Mischung von Leuten dort an. Bisher ist das eher so ein Extremisten-Mekka, weil’s enormes Durchhaltevermögen braucht, so eine Tour zu organisieren und für Unvorbelastete vergleichsweise wenig zu sehen ist.

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      • Ich habe mich ungenau ausgedrückt. Der Echolot könnte man in der Tat als eine Art literarisch verarbeitete Quellensammlung bezeichnen. Mir fiel beim Schreiben meines Kommentars spontan jedoch Suleiken ein.

        Eine Reise in den nördlichen (russischen) Teil des ehemaligen Ostpreussen ist ziemlich einfach zu organiseren. Leider ist die Anreise nicht mehr so billig zu haben, denn seit dem letzten Jahr wurden die sehr preiswerten (weil hoch subventionierten) Flugverbindungen eingestellt.

        Mich stört auch nicht, wenn Leute zusammentreffen und Lieder singen. In diesem Fall hingegen hat mich der ganze Hintergrund der dokumentierten Reise doch erschreckt. Wenn von reaktionären Kreisen gefordert wird, man möge doch das ehemalige Ostpreussen im Reigen der Bundesländer miteinschliessen, dann stellen sich mir die Nackenhaare auf.
        Zudem wird dabei schlicht unter den Teppich gekehrt, dass die Mehrzahl der jetzigen Bewohner bzw. deren Vorfahren auch nicht freiwillig dort lebt, sondern selbst Opfer von Zwangsumsiedlungen geworden ist. Und die sowohl im russischen als auch im polnischen Teil.

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      • Jau. Ich sachümmer: Stellt euch mal vor, die Schotten besinnen sich aufs Keltische und fordern Friesland zurück.
        Da der Migrationstrend traditionell immer in Richtung Westen ging(vor der Vertreibung) ist bei (nicht vorstellbarer) Rückgabe auch nicht mit einem Ansturm westlicher Neusiedler oder Nachkommen von Vertriebenen zu rechnen.
        Das mit der Zwangs-Neubesiedlung von Ostpreussen, usw. ist im Übrigen einer DER Unterschiede zur Schatzsucheransiedlung im leeren Sudetenland.
        Die CSR hatte zwar auch die Karpatukraine an Russland verloren, aber Flüchtlingsströme kamen von dort nicht in nennenswerter Zahl.

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      • Das Schottenbeispiel werde ich mir merken – vielen Dank dafür!

        Ein vielfältiges Thema allemal. Inzwischen findet schon wieder eine (noch) vorsichtige Wanderbewegung Richtung Osten statt seit in Polen als EU-Mitglied der Land- und Immobilienerwerb sehr einfach geworden ist.

        Was soll ich unter „Schatzsucheransiedlung“ verstehen? Von der CSR bzw. Sudetenland etc. habe ich ganz wenig Ahnung und fast garkein handfestes Wissen. Das könnte auch noch ein Thema werden.

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  8. ! ! ! E I N J A H R T O K A I H T O T A L E S ! ! !

    EIN JAHR BEREICHERUNG! EIN JAHR BEGEISTERUNG!

    Weiterhin viel Erfolg dem Blog und seinem Autor!

    Herzlich,
    Eine Leserin

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  9. Wo die Polen herkamen, die die ehemals deutschen Gebiete Polens besiedelten, ist bekannt. Wo die Tschechen herkamen, die ins ehemalige Sudetenland strömten, war mir bislang ein Rätsel. Der Begriff „Schatzsucheransiedlung“ erscheint mir als gute Erklärung dafür, dass sie wollten, aber nicht mussten.

    Film und Comic sind vorjemerkt.

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    • Wennse richtig Tiefenforschung angehen wollen, dann empfehle ich noch Guntram Vesper „Frohburg“; 900 Seiten hochinformative Fakten, Schicksale, Tragödien NICHT nur aus Frohburg: Da steckt auch ganz viel Sudetenland drin, kleiner Grenzverkehr der Schmuggler, garstige Schicksale der Johanngeorgenstädter als die Russen dort den Uranbergbau starteten…es wird ein Zeitraum von 1937-54 abgedeckt.
      Vater Vesper war Arzt in Frohburg und floh’54 mit Familie nach Hessen. Er war ein Menschenfischer, der sich gern Schicksale seiner Patienten ausführlich erzählen ließ – sein Sohn (bei der Flucht 16) hat sie behalten. Absolut lesenswert. Habs in meinen Frohburg-Posts gelobhudelt, aber zu dem Zeitpunkt nur quer gelesen, weil ich Muttern den Vortritt lassen musste. Inzwischen hab ich es in Ruhe durch – und es ist NOCH BESSER, als ich da schon beschrieben habe.

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