Playlist-Rausch

Damals in einer anderen Zeit – diese Einleitung ist geklaut von hier.

Damals jedenfalls, damals war nicht alles besser. Ganz und gar nicht! Aber eins auf jeden Fall – die Musik!

In einer kleinen Ecke meines Archivs schlummert „the class of 78“ vor sich hin. – Eine kleine aber feine Auswahl von Rockladies, die zwischen 78 und 85 Kreise zogen; deren Erfolg unerklärlich schnell verpuffte, regelrecht verschüttet wurde, von dem Vielen, was zeitgleich ablief und provokanter war – somit heftiger auffiel: Punk, NDW, der Jackson-Wahn, die Prince-Erschaffung, diverse Independent Hypes.

Ich hab mich neulich mal an die Ecke mit den Damen erinnert, mir eine Playlist zusammengebastelt, auf CD gebrannt und diese dann auf dem Heimweg von der Arbeit im Auto eingeweiht.
Es schoss mich in eine andere Umlaufbahn.
Ich konnte mich hinterher nicht erinnern, all die Zwischen-Kaffs durchfahren zu haben…
Da müssen Wälder, Dörfer, Fußgängerüberwege gewesen sein, eines Freitags im Februar 2016 – aber der Fahrer befand sich waydown south in irgendeinem längst verblichenen Sommer. 1978 oder 83 oder so:

Genannt hab ich mein Kompilationswerk (sachlich zwar nicht zutreffend) aber schön poetisch: „Janis’ Daughters“ – denn die Urmutter war längst tot, als die Erbinnen von sich reden machten.

dreamingLos geht’s brachial und hymnisch zugleich mit Blondie’s „Dreaming“ von der „Atomic“-LP. Gekauft im Kompanieurlaub, im Intershop in Leipzig. War das ein Highlight. Kurz vor der Einberufung die „Parallel lines“ aufgenommen und nun den Nachfolger selbst besessen! Und dieser Drummer! Manchmal höre ich nur auf ihn. Der kloppt wahrlich Ginger Baker und Keith Moon gleichzeitig an die Wand! Auf Grund der Anschaffungszeit kombiniert sich bei mir immer War&Paradiese –Unten tobt das Trommelfeuer, jeder Schlag auf die Becken eine Erdfontäne und drüber singt die tröstende Elfe. „Dreaming is free!“ Debbie Harry. Göttin der Abi-Zeit und nun auch noch für Prora.

Danach knallts weiter: „sweet sweet sweet little Darling sweet sweet sweet….“ lockt Nicolette Larson von 1978 mit einer Stimme zum Heiraten und mit Eddie van Halen (incognito) an der Gitarre. Bludgy hört es wohl, er hätte da auch eine in der näheren Umgebung mit ähnlicher Stimmlage; aber leider überhaupt nicht so locker drauf, sondern eher die kleine majestätisch schweigende Sphinx mit den großen Augen…Seufz. Das Wasser war viel zu tief, wie in dem alten Volkslied.the queen

„Bludgys in love“ und Rickie Lee Jones widmet ihm einen Song auf ihrem Debut, verpasst ihm allerdings ein Pseudonym „Chuck E.s in love“.

mystery„It’s a mystery“ das Ding mit der Liebe. Toyah Willcox bringts auf den Punkt: Der Schuss ins Blaue. Passts oder passts nicht. Toyah sah ich zuerst irgendwann im Musikladen von Radio Bremen mit „I wanna be free“; aber ich glaube, dass muss schon 1980 herum, wieder während eines Armyurlaubes oder kurz nach der „Aschezeit“ gewesen sein. Die war als Punk- oder New Wave-Sirene etwas spät dran. In Prora gab es eine Redewendung für Empörung bei Unzumutbarkeiten: „Da fällt’n Schuss, mei Freund!“ – deshalb meißelt mir Toyah always ein Smile ins Face, wenn sie singt „Shot! In the dark! Big Question mark! In history – it’s a mystery to you.“
Next mark in history:
Patti Smith is on the way mit „Privilege“ – ein Coversong aus diesem mysteriösen 60er Jahre Film, der irrtümlich für die Sommerfilmtage 69 oder 70 von der DDR eingekauft wurde.Ich glaube, der Entscheider, der das verbockt hat, wurde hinterher erschossen! Der Film kann als riesige Antisozialismusklatsche verstanden werden. Es geschah vor meiner Zeit, aber alle „Großen“ schwärmten vor uns „Kleinen“, als hätten sie den Heiligen Gral gesehen. Und besonders bitter: Die Klaus Renft Combo spielte den Song, solange Hans Jürgen Beyer ihr Sänger war, live in concert, aber diese Phase war 72 vorbei und meine fing 76 erst an! Der Fluch der späten Geburt! Wie die Orgel sich ins Hirn dudelt und dann das Lamento einsetzt: „Oh Lord, give me something! Something to give! Oh Lord give me something! Some reason to live….“ Ich begann in den 70ern Orgelkonzerte gut zu finden. Die Kantorin meiner Heimatstadt war mein Ersatz-Rick Wakeman. Buxtehude, Bach, Reger – egal; für mich klangs nach „Journey to the centre of the earth“, von der hatte ich nur den ersten Teil aus dem Radio aufnehmen können – aber manchmal hätte ich mir schon so einen Gitarrenausbruch gewünscht wie in Privilege.

Und rotzig-trotzig aufbegehrend geht es weiter: „Not fade away“. Kennt man vielleicht von Buddy Holly. Oder von den Stones. Härteste Rockband der Welt – und so – pfffff!
Tanya Tucker heißt die gute, die die ultimative Fassung hervorgebracht hat. „TNT“ heißt die LP und Mrs. Tucker schämt sich inzwischen für ihren einstigen Rocker-Ausbruch aus den Country-Gefilden. Pah! Ich halt ihn in Ehren. Es gab eine Zeit, da wurden Songs dieser LP zwischen Blondie, Helen Schneider und Diane Diamond eingestreut! „Back to the strip, we miss you there!“ Und Mrs. Tucker antwortet mit’ner Einladung ins „Heartbreak Hotel“! Die Elvis-Nummer —Weia!
tntBei „Not fade away“ hast du sofort die Assoziation von so richtig verwahrlost, versoffenen Müllkutschern a la Lemmy Kilmister und Keith Richards, die zahnlückig dreckig in die Kamera glotzen, bevor sie dann die Fluppe auf den Boden spucken und sich der Flaschenhals über die Saiten schiebt und Funken schlägt. Und der Kettenrauchende Mundispieler presst Luft ins Horn, das es eine Art hat, die man der schmächtigen Knast-Ruine niemals nicht zugetraut hätte! Und vor dem ganzen Schmuddelrockinferno diese adrette junge Lady, gerade 20, erfolgsverwöhnt, weil Wunderkind mit Hit seit dem 13. Lebensjahr, nun aber dabei einen eigenen Weg zu finden – dort wo niemand sucht – in der Gosse. „My love is bigger than a cadillac!“ Oh Baby, hat dir mal jemand erklärt, wie der Spruch gemeint war? Egal Sister of Nina H.! Auch du bist „unbeschreiblich weiblich“. Love is bigger, not fade away!

Es wird Zeit für ein bissel Selbstbeherrschung. 1983 ereignete sich das Wunder der Wiederauferstehung einer Vergessenen: Tina Turner war da – gekommen um zu bleiben! „Private dancer“ hieß das Album und der Titelsong mag inzwischen etwas abgedudelt sein, aber – macht nichts – Perle reiht sich da an Perle und ich hab mit schlafwandlerischer Sicherheit – ohne zu zweifeln nach Jahrelanger Abstinenz meinen alten Lieblingstrack auf die Playlist gehievt: „You better be good to me“. 1983 wusste man noch nichts von ihrem Elend als Frau von Ike.chefin2
83! Da wollte ich wie 81 und 82 eigentlich nur Deutsches hören. Aber die NDW verreckte gerade in kommerziellem Nonsens. Und kuscheln während die Fehlfarben „Paul ist tot!“ verkünden oder Nina Hagen von Abtreibung schwärmt („…ich wollt’s nich’haben; musste jarnich erst nach fragng!“) ist schlechterdings nicht vorstellbar. Es war Zeit sich umzuorientieren und plötzlich war man eben wieder anfällig für „prisoner of my love….entangled in your web… HOT! Whispers in the night…“ Und dann der Ausbruch from Heaven, die Tonkaskade vor dem Refrain: You better be good to me!…..

Frauen gut behandeln. Klar doch, klar – wenn se nur selba ooch ihre janzen Laun’n ma unta Kontrollä brächten! Zeit für „Angel from Montgomery“, Tanya Tucker – die Zweite!

„Ich bin eine alte Frau. Benannt nach meiner Mutter. Und mein Mann ist auch nur ein altgewordenes Kind! Diese alte Bude hier gehört lang schon abgefackel! Und ich sehne mich sonst wohin! Gib mir irgendwas, was mich hält!“

Southern-Rock at its best! Dramatisch pathetisch – ein Gänsehautgarant. Kein Wunder, dass sich Udo Lindenberg beim Text bedient hat. Sein „Sie ist 40“ ist praktisch eine (entschärfte) deutsche Version. Der hatte 78 herum Helen Schneider für Deutschland entdeckt und sicher auch all die anderen Rachel Sweet-, Tanya Tucker-, Laura Allan-Scheiben gehört.

fineLetztere folgt sogleich: „He’s fine“. My Baby is so dark and fine … thrill’s me all the time….oh,ohuho, yeah, yeahuher! ….he’s fine.“ Der alte 50er Jahre Heuler! Für’s Debut von Laura Allan frisch ge-bottleneck-t, dass es aus jedem Camper down the Road geblasted werden kann, wenn’s zur Sache geht: Hot summer night, you know!

Aber die Jahre vergehn. Und da war mal eine, die mochte anno 79 den Sound berstender Scheiben! Eine wahre Sirene der Revolution mit Feuer im Hintern und obendrein befreundet mit einem von den Stranglers! Aber stattdessen kamen bei MIR Fahne und Studium und was bei IHR kam, weiß ich nicht. Sie war nach nur einem Hit schnell wieder weg vom Fenster. Zeitchen verging. Als ich gerade zum ersten Mal Vater wurde, traf ich Udo wieder: Tonband an, Flasche auf und Vaterschaft begießen. Und während er gerade nach Gläsern sucht, hör ich auf den Text von dem Song, der gerade lief und mich haut’s um: „Lets! Play all Moms & Dads! Come on!“ Orrrr! Das gibt’s ja gar nicht!
„Doch, das wolltch dor ja saachn. Hazel o’Connor. Hat se fein jemacht, die Nummer. Machmor ma glei ä bissl lautor, wächem däm Anlass. Bludgy muss sein Senker feiorn!”

„Mucky pup, cover up! Strip it down! Come around! We all grown up – all grown up!”

Wie wahr. Nun sind wir Eltern. Begonnen hatte alles mit Sehnsucht in jeder Körperzelle: the flesh„In the flesh“ also, womit wir kurz vor Schluss wieder bei Blondie wären. „Ohuo i-hin the flesh”…. Beste Phonzeitsendung ever in der ARD , mit Mothers Finest, Southside Johnny & the Asbury Jukes, Dead Boys und – BLONDIE. Auf einer Häuserwand in einem Abrissviertel von New York: Debbie mit wehendem Haar und Mantel, lässig schräg gehaltener MPi überlebensgroß im Realo-Comic-Stil an die Wand gesprayt – Schnitt! Live im CBGB’s „Riffle range“ und „in the flesh.“ Unvergessen! Hundertemal erfolglos nachzumalen versucht….

… in the end comes the Blues: Wenn schon – denn schon in seiner dramatischsten Form.
Die Namenspatronin dieser Kompilation soll das letzte Wort haben dürfen und zwar mit ihrem besten Song:

A woman left lonely – hähey without a man….

…sang’s und starb.

Rock on, Pearl!chefin

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14 Gedanken zu “Playlist-Rausch

  1. Ich kenne nur Nina, Tina und Janis. Nicht mal Blondie hat sich bis zu mir durchgesungen.
    Janis ist ganz besonders. Die „Private Dancer“ habe ich gekauft, was nicht oft vorkommt, und unzählige Male gehört. Auch ich habe sie kürzlich mal wieder aufgelegt und war erstaunt von ihrer Zeitlosigkeit. „Bei Wertheim gab es Salamander, ich bring dir einen mit zur Elbe hin“, das hat was von Bob Dylan. Nina Hagen, in gewisser Hinsicht habe ich Deutsch nie mehr etwas Freieres gehört.

    Leider mag youtube nicht mehr mit mir und Vimeo hat sie nicht. Ich hätte ja zu gerne einmal die Stimme gehört, bei der Sie HEIRAT assoziieren. Sie müssen ein extrem akustisch orientierter Mensch sein. Vielleicht schaffen Sie es deshalb, Musik erlebbar zu machen, ohne dass ein Ton erklingt.

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    • „Ich wusste nichts von deinen Uferrrrn!“ Ja, die „Reise nach Hamburg“, war mein Lieblingstrack auf „Nina Hagen Band“ – die ich erst um 85 herum zum Aufnehmen erbeutete. Das männliche Gegenstück ist Kiev Stingl. Auf die Dauer aber sind beide zu abgedreht. Nina hab ich seit ungefähr 90 nicht mehr gehört. Stingl dagegen noch oft.

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  2. Was für eine fantastische Zusammenstellung – und mit einer super (lesenswerten) Kommentierung. Danke dafür !!
    Das ergibt dann folgende Playlist (bei mir, falls sich hier nicht irgendwo ’nen Fehler eingeschlichen hat):

    V.A. – Janis‘ Daughters (2016; Bludgeons Favorites ’78-’83)

    Tracklist:
    01 – Blondie – Dreaming
    02 – Nicolette Larson – Can’t get away from you
    03 – Rickie Lee Jones – Chuck E.’s in Love
    04 – Toyah Willcox – It’s a Mystery
    05 – Patti Smith – Privilege
    06 – Tanya Tucker – Not fade away
    07 – Tina Turner – You better be good to me
    08 – Tanya Tucker – Angel from Montgomery
    09 – Laura Allan – He’s fine
    10 – Hazel o’Connor – (Cover plus) We’re all grown up
    11 – Blondie – In the Flesh
    12 – Janis Joplin – A Woman left lonely

    Nun bräuchte es nur noch jemanden, die*der die Songs alle zusammenstellen würde (nach den jeweiligen Original-Alben – ich habe leider längst nicht alle davon 😦 ). Freiwillige vor, wer kann aushelfen? 320er Qualität wäre ’ne feine Sache !!

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      • Lieber Bludgeon! Ich habe doch extra noch „Seite 39“ hinzugefügt. Ich hoffe sehr, Sie haben sich nicht ab der ersten Seite durch gelitten. Die Gesamtausgabe ist was für R.-St.-Junkies, gewöhnlich Sterbende sterben gewöhnlich. An Langeweile.
        Immerhin, Sie leben! Erstaunt es Sie nicht auch, dass es zwischen den beiden Herren eine Verbindung gab?

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  3. Heute Abend muss ich doch tatsächlich mal in meine Blondies reinhören. Parallel Lines und Atomic kenne ich zwar beinahe auswendig, aber der Drummer ist mir nie so aufgefallen. Bei Rickie Lee und Patti bin ich bei Dir, aber Nicolette Larson? Das ist doch die Tante, die es geschafft hat einen Neil Young Song zum Discodancer zu machen, das hat mich damals sehr abgeschreckt. Frag mich gerade wie Eddie Van Halen da reinpasst. Tanya Tucker hab ich auch schnell als Countryhitparadenmaus abgeschrieben, keinerlei Assoziationen mit Fluppen, Bottlenecks und Mundharmonika. Ist halt ärgerlich, wenn einem DAS EINE Album entgeht zwischen den ganzen Weichspülern.

    Der Rest sagt mir wenig bis nichts, aber wenn etwas gebottleneckt wird muss ich mich schon zwangsweise drum kümmern.

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  4. Wie Du schreibst, Waaaahnsinn, mag ich total! Und, weißt Du was, Deine wunderbare CD hätt ich gebraucht in dieser Wartezimmerzeit, irgendwo am Rande des Universums! Und – solltest Du ein Lied haben, das meine hängenden Flügel wieder aufrichtet, wär froh drum, bin nämlich wieder da.
    Und – Du weißt, der Alois Nebel, gelle!? Liebe Grüsse von der Graugans

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  5. Pingback: Alte Lieben leben länger | Herr Ärmel: immer horsche immer gugge

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