Comic-Zauber IV (Ende mit Schrecken)

Hegen vs. Dräger

Warum zerbrach das Dream-Team?

Ihre Arbeitsteilung hatte sich über die Jahre entwickelt und bewährt:

– beide zusammen haben eine Grundidee, mal der eine, mal der andere;
– Hegen entwirft die Figuren;
– Dräger sorgt für den Plot.

Damit lag das inhaltliche Gewicht bei Dräger, dem Beleseneren von beiden.
Das Geschäftsmäßige, also auch das Entgegennehmen der Anschisse und Rechtfertigen blieb bei Hegen, dem Chef.

Warum hielt das nicht bis in alle Ewigkeit?

Kramer     DSC02903-001mosaik

Laut Thomas Kramers „Mosaik-Fan-Buch“ Teil 2 von 94 und der gerade erschienenen Hegen-Biografie „die 3 Leben des joHANNES HEGENbarth“ setzt sich bei mir folgendes Bild zusammen:

„Einerseits machten sich am Ende der Amerika-Serie Abnutzungserscheinungen bemerkbar.“ (Hegen).

Das kann ich bestätigen. Etwa ab der 193. Ich erwartete das jeweilige neue Heft nicht mehr so dringend wie früher. Das Schiffsrennen, die Goldsuche, der Kampf gegen den bösen Prediger Coffins, das alles blieb den Lesern präsent. Nach Coffins Tod (Heft 192) jedoch schien die Luft raus, aber die Geschichte war noch nicht zu Ende. Die Flibustier-Episoden muss man nachschlagen. Sie prägen sich nicht ein. Die Einfälle sprudelten nicht mehr so, wie bisher. Mag sein, dass in meinem Fall auch das Alter zu schlug. Mit 15 hat man andere Augenreize als eine Bildergeschichte. Man baut auch keine Schaufelrad-Dampfer mehr mit PeBe-Steinen nach.

Andererseits kamen Zermürbungserscheinungen hinzu: Hegen hatte über die Jahre zahlreiche Erweiterungsideen umsetzen wollen:

– MOSAIK-Bücher, die nicht nur die bereits erschienen Hefte umfassen, sondern Nebenstränge der Handlung weiterführen;
– Posterverkauf,
– Puzzle-Spiele mit MOSAIK-Motiven,
– Trickfilmideen anschieben,
– für ein größeres Heftformat kämpfen
– die Digedags als Spielzeugfiguren anbieten,

Aus all dem wurde nichts.

Schließlich deutete sich Ende 1973 ein größerer Druckerei-Umbruch an, der eine Qualitätsminderung der Hefte mit sich bringen würde:
– rationellere Ausnutzung der großformatigen Papierbögen hätte eine Kürzung des Heftumfangs auf 20 Seiten bedeutet.
– die Verwendung eines anderen Druckverfahrens beeinträchtigte die Wirkung der Farben
– das ohnehin holzig minderwertige Papier hätte somit die neuen Hefte bereits alt aussehen lassen.

Hegen wollte kämpfen und mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen:
– nur noch 6 Hefte pro Jahr; dadurch mehr Entwicklungszeit und bessere Ideen;
– größeres Heftformat oder eben mehr Seiten, dadurch bessere Konfliktgestaltung.

Oder aber: Ende des MOSAIKs und damit ein Umsatzausfall von 280 000 Heften, bisher monatlich sicher einplanbar. Das erkläre dann mal jemand bei der Jahresendrechenschaftslegung!

Er glaubt, die stabilen Umsatzzahlen sprächen für ihn. Er glaubt, dass sein Kollektiv hinter ihm stünde. Und er muss erleben, dass dies nicht der Fall ist. Die ganze Mannschaft zieht ohne Vorwarnung Knall und Fall aus dem Hegen-Büro um in die Hauptzentrale der „Jungen Welt“ und arbeitet unter Drägers Leitung weiter – an den Abrafaxen. Hegen und seine Frau sind draußen.

Er klagt sofort, als er das erste Abrafax-Heft in Händen hält: Das Heft heißt weiterhin MOSAIK. Es sind wieder 3 Kobolde auf dem Weg durch Raum und Zeit. Wieder haben sie 3 verschiedene Haarfarben und meistens einen 4ten größeren Begleiter, den sie aus allerlei Gefahren heraushauen müssen… VERRAT! … Plagiat!

NEIN! Sagt Dräger! Die Geschichten an sich waren ja immer schon meine Leistung, von den ersten zehn-zwölf Heften abgesehen. Ich verwende keine Hegen-Entwürfe. Der MOSAIK-Schriftzug ist ein anderer…

Warum war das Team nicht loyal?

Man muss sich die besonderen Verhältnisse der DDR vorstellen:
Das Hegen-Büro war eine individualistische Nische.
Sowas will man nicht verlieren, wenn man einmal Mitglied geworden ist und auf die 50 zuschreitet. Hätte Hegen wirklich frustriert hingeschmissen, wenn seinen Vorstellungen nicht entsprochen wird, wären sie alle als Mitverschwörer in „Sippenhaft“ gewesen. Er hatte einen Exklusiv-Vertrag. Sie waren seine Angestellten. Gehaltsempfänger. Der zivile Ungehorsam oder die „unsozialistische Uneinsichtigkeit in gegebene Notwendigkeiten“ wären ihnen beruflich zum Verhängnis geworden. Er hätte eine zeitweilige Berufsverbotsphase finanziell überstehen können. Sie nicht.

Wie im Falle des zeitgleichen Renft-Verbotes (die Band erlebte ihre Zwangsauflösung, einige Mitglieder durften solo weiter auftreten, andere verloren ihre Spielerlaubnis) hätten sie nicht zusammenbleiben dürfen, sondern wären auf alle möglichen Medien als Teilzeitkarikaturisten aufgeteilt worden oder aber als schlecht bezahlte Bühnenbildner an Provinztheatern geendet. Das Team war im Schnitt in den End40ern, wer will schon da noch so einen Neuanfang Widerwillen auf sich nehmen?

Wer aber erstmal einen Schritt der Selbstrettung gegangen ist, muss auch den zweiten tun:

Als der Plagiats-Prozess dann rollte, Hegen quasi einen Parteiverlag des organisierten Betrugs bezichtigte, mussten sie gegen ihren alten Chef aussagen:

Kapitalistische Methoden, privates Profitstreben, keine Gewinnbeteiligung seines Kollektivs, dem geforderten Bildungsauftrag nicht gewachsen, Verbreitung eines naiven Weltbildes…

Nackenschläge am Fließband. Er wollte nie wieder einen von ihnen sehen.

Zähneknirschend akzeptierte er einen „Vergleich“ zu sozialistischen Bedingungen.
Er behielt das Archiv und die Nutzungsrechte an seinen Heften, fand aber bis Mitte der 80er keinen Verlag in der DDR.

Die künstlerisch armseligen Jahre 1975-89 (das 3. Leben des Zeichners) werden in der oben genannten Biografie kaschiert und somit für den mitdenkenden Leser trotzdem nachfühlbar eindrucksvoll beschrieben und zusätzlich illustriert.

Hegen starb am 8.11.2014 – er hinterließ eine Legende und eine leider unvollendet gebliebene Biografie. Viele Fragen blieben offen…

Ein interessantes Forschungsreservoir für kommende Generationen von Literaturwissenschaftlern.

3 Gedanken zu “Comic-Zauber IV (Ende mit Schrecken)

  1. Werter Bludgeon, vielen Dank für diese Einblicke und die Neutralität, die man herauslesen kann. Die Lebenswege in der DDR waren für viele ein Balanceakt. Ich kannte den des Herrn Hegen nicht und warte nun gespannt auf die Biographie.
    Herzliche Sonntagsgrüße, Ihre Frau Knobloch.

    PS: Bloggen fetzt bonfortionös!

    Gefällt 1 Person

  2. Endlich komme ich jetzt mal dazu, zu dem Thema Hegen & Co. meinen Senf dazuzugeben. Mir waren sie bis dato unbekannt, aber Deine Berichte haben mich natürlich mehr als neugierig gemacht und ja … das ist eine ganz spannende Ecke in der Kategorie „Alltag in der DDR“, die mir bisher – wie gesagt – unbekannt war, die mich vermutlich deshalb umso mehr interessiert.

    Und ich mag einach mal „Respekt, Respekt, Respekt“ sagen für diese z.T. tragische Chronologie der Ereignisse ….

    Und ich wäre nicht ich … wenn ich dann nicht demnächst (und zwar morgen) den ersten Band aus dem Jahr 1955 („Auf der Jagd nach dem Golde“) in meinem blog präsentieren würde …

    Mir scheint, dass der Erfolg dieser Hefte neben den drolligen Figuren auch mit der „exotischen Kulisse“ zu tun hatten, in der sich all die Abenteuer abspielten,

    Gefällt 1 Person

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