getting old with Rod

Rod Stewart, der alte Blondinizer, wird 70 und feiert per neuem Output „Another Country“. Alte Männer Platten sind seit geraumer Zeit mein Ding. So entstand die Frage, ob er mit „Chrome dreams II“ (Onkel Neil), „Man overboard“ (Opa Ian) und „How to become Clairvoyant“ (Großvater Robbie) würde mithalten können.

neil    ian    Robbie
Und um es vorweg zunehmen: Er kann! Und wie!
„Another country“ ist der kleine Bruder von „Spanner in the works“. Reflektionen der persönlichen Art zuhauf. Auf „Time“ von 2013 befand sich zwar auch das berührende „Brighton Beach“. Aber auf der Platte insgesamt störten die verunglückten modernistischen Drumsounds. Im Falle der „Another Country“ wird auf derlei Anbiederungsschnickschnack verzichtet. Erstaunlich oft bieten sich Vergleiche zu Chris de Burghs wunderbarer „Hands of man“ vom Vorjahr an. Gleichalt, gleiche Lebenssituation, gleiches Grübelspektrum: Zwei alte Freibeuter sitzen im Schloss, die Kinder erwachsen, die Räume leer. Was man den Nachrichten an Meldungen entnimmt, tangiert nur noch am Rande, setzt aber Assoziationen zu früher frei: Old Churchill geht bei Stewart um und Old Löwenherz bei de Burgh.

We grew up in a war zone city with a cast iron wind
Broken lives, darken streets, and twisted steel
But around our house the sky seems so blue
And on a wing and prayer we just muddled through

And we always kept the laughter and the smile upon our face
In that good-old-fashion british way with pride and faultless grace
I shall never forget those childhood days for as long as I shall live
And I’ll always find my way back, always find my way back home.

Wow, nicht? Liest sich schon toll und hört sich noch viel besser an!
Er grübelt sich in seiner Vergangenheit fest und ich mich in meiner.
Die Stewartwochen sind los!

Let the Rückshow roll!

„Rotz Stewart? Der singt wiä heest.“ (Ecke-Zitat; anno’75 herum)

Ja, mein Stewart-Zugang ist zunächst von Missverständnissen gezeichnet.
„I’m sailing“ mochte ich nicht, als es aktuell war. Das klang zu Smokie irgendwie. Für 15jährige Vollzeitmänner ist das Tanzmausplingplang. Abba, BoneyM und Smokie, die satanische Dreifaltigkeit zur Ablenkung von wirklichem Musikgeschmack!

(Es waren genau diese 3 Plagen, die das Traumfrau finden so erschwerten: Entweder musst du dich kompromissbereit selbst verleugnen, um eine abzukriegen oder aber solange entsagen, bis du eine findest, die diese Tanzreflexbedienung auch nicht mag. Und ne Hübsche würde das dann ganz sicher nicht sein.)

„Dream Weaver“ von Gary Wright hatte deshalb zeitgleich deutlich die Nase vorn. Ebensolch kratziger Nicht-Gesang, aber dank reichlich progressiver Umblubberung absolut NICHT Smokie-verdächtig.
Die Nachfolge-Auskopplungen der „Atlantic Crossing“ empfand ich als langweilig.

Erst mit „the killing of Georgie“ hatte er mich. Dass hier eine ganz passable Geschichte erzählt wurde, verstand ich trotz lückenhafter Englischkenntnisse sofort. Es kam mir wie ein männliches Gegenstück zu Dylans „like a rolling stone“ vor.
Eine Moderatorin übersetzte obendrein mal ganz beiläufig aus „Still I love you“ die Zeile: „Ich kippte dir mein Cherry Glas übers Kleid, aber du sagtest: lass nur, es ist nicht mein Bestes.“ Also hatte selbst dieser Schmachtfetzen mehr Inhalt als die gesammelten Werke von Michael Holm & Co. Schlag 3 war schließlich „the first cut is the deepest“, der die beginnende Geschmacksentwicklung festigte.
In Oldies-Sendungen bekam man zeitgleich seine Faces-Phase vorgestellt: Da zündete wenig, aber dann, eines Tages bei „rums“ auf HR3:

Its late September and I really should be back at school!

…resümiert da einer im Bett der Orgiengefährtin. Es gibt so Sätze, die sind einfach da, um nie mehr vergessen zu werden. Sie ertappen dich bei deinen eigenen Tagträumen. Und mir gings nicht alleine so: Peter Maffay schrieb sein „es war Sommer“ todsicher mit Maggie Mae im Hinterkopf.

Der Bestand an Stewart Songs mehrte sich von nun an stetig.

Dann der Rückschlag: „Do you think I’m sexy?“ erntete Kopfschütteln, klang hart an der Grenze zum Disco-Bums und wurde verachtet. Gleiches galt für Kiss’ens „I was made for loving you“.
VERRRAAAT! Auf nun in den PUNK!

(Denn mangels Westplattenzugang war zu vermuten, dass das 45 Minuten in diesem Nick-Straker-Band-Gedächtnissound so weiter geht. „I walk in the Park, I step in the dark, dubbidu!”)
Weiiit gefehlt. Heute passieren „Do ya think…“ und „Dynasty“ die Geschmackskontrolle anstandslos.

Zum sofortig ungetrübten Stewart-Highlight wurde mir wegen all dieser Umwege erst die „Absolutely live“.
Im Radio teilweise gehört; in Bruchstücken aufgenommen; Gänsehaut bei den Massen-Chören genossen! Darum Flohmärkten entgegen gefiebert: Ob es diesmal bei irgendeinem Schieber eventuell die „Absolutely Live“ gibt?
1987 war es soweit: Plauen im Vogtland, Typen mit quadratischer Plattentasche unterm Arm standen da rum wie die betont unauffälligen Drogendealer und sparten die Standgebühr. Ich frag einen, was er so anbietet. Er zückt einen Zettel. Ich lese Who, Zappa, Stewart und zwinge mich zum Poker-Face: „Zeig mal die Stewart.“ Es war leibhaftig das gesuchte Konzertgroßereignis.
„Is’ ungespielt. Also neu. 250 Glocken.“
Ich ziehe die Platten fachmännisch aus der Hülle und halte sie gegen das Licht. Keinerlei Kratzer.
„200 geht sicher auch?“, aber meine Augen verraten mich. Er weiß, dass er einen Junkie an der Angel hat.
Wortlos verschwindet das begehrte Cover samt vinylnem Inhalt wieder in seinem Beutel.
Kapitulation unumgänglich.
„Okay. 250.“
Hab ich beim Löhnen gezittert? Es war nicht der Ärger über den Preis. Es war die Gier.

Mein teuerstes Flohmarktalbum ever. Wurscht. Die Beglückungshormone schossen Kobolz.
Ich stieg in den radiolosen Trabbi. Legte die Platte auf den Beifahrersitz, schmiss den Motor an, kurvte aus der Parklücke und: –
Dann musste das Autolein viel ertragen. Ich grölte mich auf der Heimfahrt 180km lang heiser: „You’re in my heart, you’re in my soul! You’re the best like alcohol!“ und natürlich:

I am sailing, I am sailing
Home again ‚cross the sea
I am sailing, stormy waters
To be near you, to be free.

Ich war high.

20 Gedanken zu “getting old with Rod

  1. Jajajaja, die Scheibe von Roddltoddl schlechthin, eine der geilsten Livescheiben ever. Habsch auch noch auf Vinyl im Schrank, genau so muss eine Livescheibe klingen, was für Chöre da im Saal damals, und ein Kracher nach dem anderen..
    Sonst mag ich eigentlich nur die älteren Sachen von ihm. In irgendeiner Sendung, ich weiß nicht obs der Beat-Club war damals, stand er alleine in einer abgewrackten Gasse seiner Heimatstadt und sang Gasoline Alley. Bei mir absolute Gänsehaut und meine Mudda so: „der kann ja überhaupt nicht singen.“

    Alt geworden bin ich mit jemand anderem, aber Rod Stewart hatte schon was. Gleich mal auflegen das Ding. Yeah. Tonight I’m yours, do anything that you want me to, das war an dem Abend wohl ein Versprechen. Könnte man mal klanglich aufmöbeln das Teil, aber rockt wie Hulle…

    Danke für die Erinnerungen.

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    • Gasoline alley und shorty shorter mang de Mülltonn’n. jau. Im Radio oft gepriesenes Filmschnippselchen. Das Ding ist mysteriös. Einmal sah ich das in „All you need is love“ dieser 20teiligen Musik-Doku Ende der 70er. Da war olle Roderick noch schwarzhaarig. Und dann hab ich das in den 90ern oder Nullern nochmal gesehen und da war er blond!
      Aber gerade bei dieser Vor-Sailing-Phase hat mich stets verblüfft, wieviele Leute die mögen. Mir klingt das meiste davon zu rumplig, wie nicht zuende gemastert.

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  2. Ein beeindruckend geschriebener Bericht. Über einen, von dem keine Scheibe im Ärmelarchiv steht.
    Die Stimme, naja, die klang schon raus der Masse.
    Aber der ganze Habitus dieses Mannes – von dem hätte ich selbst als Erwachsener kein Mofa gekauft.
    Die Small Faces waren eine der Kapellen auf meiner persönlichen Hitliste damals. Als sie in Faces mutierten nahm das rapide ab. Als Rot Stuttgart dann obendrein bei den Faces als Sänger einstieg, da war das für mich eine Geschmackssackgasse.

    Aber diese Liveplatte – meinst du?
    Und auch du, Freund Zaphod?

    Na, mal sehen…

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    • Von Rod ein Mofa kaufen?
      Meine Lieblingsvision ist immer: Möchtest du den zum Nachbarn haben? Könntest du mit dem bräteln?
      Bei Rodderik wäre ich mir da unsicher: Meine Madams sind dunkelhaarig, da wär keine Gefahr, aber – wenn der angetüdert is, will der – so keine Blondine zur Hand – Fußball spielen. 😮 So würde MEIN Abend dann abstürzen. Stewart scheidet als Wunschnachbar aus.

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  3. Hach, so kann nur ein music maniac schreiben … einfach nur herrlich: Und es hat bei mir eine Reihe von Assoziationen zu „Rod The Mod“ ausgelöst.

    Rod konnte wunderbare Coverversionen einsingen … von Bob Dylan zu JimiHendrix

    Rod war ein eitler Pfau, eine Eigenschaft, die mir wohl eher fremd war, aber gelegentlich fand ich es schon imponierend, wie er da mit dem Mikrofonständer in der Hand über die Bühne stolzierte.

    Auf dem Song „Tonights The Night“ findet sich auch folgende Textzeile „spread your wings and let me come inside“ … es gab ne Zeit, da fand ich diese Zeile genial …

    Rod, ist Zeit seines Lebens wohl auch ein Kindskopf geblieben: Eine seiner vielen Frauen berichtete mal, dass er am liebsten in seinem Spielzimmer saß und mit der elektrischen Eisbahn spielte, wahlweise mit seinen Kumpels im Pub herumhing.

    Rod war auch mit den Faces in den Anfangsjahren saugut, wobei mir die Small Faces stets erheblich näher standen (hier eine kleine Verbeugung für eins meiner absoluten Idole. Steve Marriott !)

    Rod, das war sicher der eitle Pfau, der sich auch gerne mal zum Affen machte … aber seine Stimme und viele seiner Werke „stands the test of time“.

    Ach ja … und dann das noch: Damals: die Mädels und Musik: Das war wirklich kein leichtes Unterfangen. Ich erinnere mich da an eine köstliche Geschichte, die mir eine Lektion war:

    Es gab da im Studium eine tollem Frau, die ich mal zu mir in meine kleine Studentenbude einladen konnte … dass sie mir nicht abgeneigt war … glaubte ich zu spüren.

    Nun, im Laufe des Abends versuchte ich dann, ihr ein wenig näher zu kommen *ggg*, dies wurde aber abschlägig beschieden, die Stimmung sei dafür noch nicht da.

    Nun, denn, ich legte flugs ein Cat Stevens Album auf (es war sein Debütalum auf Island „Mona Bone Jakon“) und auch ein Jerzlein wurde entzündet … und ca 30 Minuten später, na ja … wie sage ich es jetzt …. „spread her wings and let me come inside“ *ggg*

    Hätte ich damals meine Favoriten wie Cream, Humble Pie, Mountain und ähnliche Kracher aufgelegt … ähm … der Abend wäre wohl weniger aufregend verlaufen …

    Von daher verstand ich mehr als gut, deinen kleinen, in Klammer gesetzten Einschub … auch er hat mir aus der Seele gesprochen.

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      • Ja, herrjemitmineh, wo denn nun den Sempf dazugeben?! Herr Bludgeons Bericht war alleine schon Wandbebendgelächter wert und dann setzt der verehrte Herr Rffmaster noch einen drauf! Darob vergaß ich fast mein Erstaunen über Fähigkeiten des Gockelrods, die mir wohl durch’s Raster schmierölten… Allerdings spreadwingsdingste ich damals zu ganz anderen Tönen.

        Schalllachende Neujahrsgrüße, verbunden mit den besten Wünschen und gänzlichst uneigennützig noch viele von diesen fabulösen Erinnerungsmitteilungen, Ihre Frau Knobloch, nachlesend zugeneigt.

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    • Klasse, klasse Herr Riffmaster. Nicht bloss wegen der grösseren Nähe zu den Small Faces statt der Faces.
      Nein, ihr ganzer Bericht. Ein wahrer Erinnerungslawinenauslöser…
      Herzlichen Dank dafür!
      Zwischendurchigschöne Grüsse aus dem straighten Bembelland

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  4. Ich habe beschlossen, der Trauer über ein Ende den Zauber eines Anfangs entgegenzusetzen und deshalb begonnen, Gesangsunterricht zu nehmen. In meinem Fall eine echte Herausforderung, aber ich bin wild entschlossen, mir die Welt der Musik zu erschließen. Zwei Stunden hatte ich bereits und könnte lange und begeistert darüber berichten. Nur soviel: bereits nach der ersten Stunde hat sich mein Hören dergestalt verändert, dass ich die einzige CD, die ich seit zwei Jahren beim Autofahren endlosschleife, eine Best of von His Bobness, wahrgenommen habe, als kenne ich zwar die Lieder, höre sie aber zum ersten Mal. Strange und sehr spannend!
    Also, wenn Sie mal die Dosis Glück erhöhen wollen, Gesangsunterricht kann ich nur empfehlen!

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    • Gratuliere zum Entschluss. Aber ich und singen? Krächzen wie Tom Waits vielleicht. Aber den gibts ja schon. Wenn Sie allerdings vorhaben sollten, zur deutschen Bonnie Taylor, Debbie Harry, Mariann Faithful werden zu wollen (kenne ja ihre Stimmlage nicht) übernähme ich gern das Texten.

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  5. Das mit dem „jugendlichen Leichtsinn“ nehm ich mal als Kompliment *ggg* … Anonsten hab´ ich ja an Ihren Gesangsküsnsten keinerlei Zweifel geäussert, sondern lediglich meine Dienste als Bassist angeboten … das sind dann jene Leute, de live (siehe Bill Wyman) unauffällig in der Ecke stehen und einfach nur spielen (ja, ja, die im dunklen seiht man nicht) …

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    • Der Bill Wyman ist ja auch fast ein Zwerg. Ich hielt den immer für eine lange dürre Latte, bis ihn live gesehen habe.
      Danach habe ich mir alte Fotos angeschaut und festgestellt, dass der meistens von schräg unten aufgenommen worden ist, das macht zwanzig Zentimeter grösser, auch ohne diese Herrenschuhe mit den geheimen Siebenzentimetergrösserabsätzen 🙂
      Aber der John Entwistle von The Who stand auch immer im Halbdunkel und der war grösser…

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    • Lieber Herr riffmaster,
      um das klarzustellen: Meine Singerei ist eine Katastrophe. (Mir fällte gerade auf, dass sich in Katastrophe immerhin schon mal Strophe verbirgt. Das betrachte ich jetzt mal als Verheißung.)
      Ich nehme den Gesangsunterricht nicht, um irgendwo aufzutreten (schon die Vorstellung lässt mich erschaudern), sondern weil ich nicht sterben will, ohne vorher lauthals und wohlklingend (!) gesungen zu haben. Ich glaube, sonst hätte ich etwas versäumt.
      Also, sollte mir tatsächlich eine Bühnenkarriere beschieden sein, dann wird sie wohl schweigend in der anderen Ecke stattfinden. Und somit: „Bühne frei für Herrn Bludgeon!“

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  6. Pingback: Rod | toka-ihto-tales

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