Kastanien I

„Guckok! Der schiene Chris’baum mitten im Friehjoahr!“
Großmutter und ich gingen gerade am Knast vorbei in Richtung Straßenbahn.

Der „Knast“ gehört zur schönsten Stadt der Welt, wie der Dom und der Marktplatz. Zwar grenzt er nicht an diese beiden Sehenswürdigkeiten, jedoch stellte er selber einst eine dar. Ursprünglich handelte es sich um ein gründerzeitlich chices Schwurgericht, mit unauffälligem Zellentrakt dahinter und moderat neuromantischer Feldsteinummauerung. DSC02612-044blogbild
Doch die wechselnden Regime des 20. Jahrhunderts schienen sich in punkto Machtdemonstration überbieten zu wollen und so wurde alle paar Jahrzehnte die vorhandene Einfriedung erhöht, teilverputzt, verstacheldrahtet oder durch Zusatzgemäuer das Gesamtdesign verschandelt und 2012 außer Dienst gestellt.

Großmutter konnte mir den Baum nicht zeigen, denn der eine Arm musste vornehm angewinkelt bleiben, weil die Armbeuge die Handtasche hielt und an der anderen Hand hatte sie mich; frisch bebrillt und mit Heftpflaster über dem linken Brillenglas. Die 60er gingen noch davon aus, dass so Schielen korrigierbar sei.
Wir befanden uns außerdem an der verkehrsreichsten Kreuzung der Stadt und so ließ ich prompt mein verbliebenes Adlerauge über Straßenverkehr schweifen, denn irgendwo musste doch dieses weihnachtliche Phänomen zu bewundern sein!

Nichts!

„Wo denn?“, fragte ich enttäuscht.

Großmutter: „Na sisstes neh? Da!“ Sie ließ meine Hand los und bog mir den Kopf nach oben:
An der Haupteinfahrt des Gefängnisses stand eine Uralt-Kastanie kerngesund in voller Frühlingspracht. Ihre „Kerzen“ waren wirklich nicht zu übersehen. Aber es brauchte die Großmutter, damit sie dem Steppke endlich einmal bewusst wurden.

„Oh, ja! Aber das Lametta fehlt.“ alberte ich los.
„Patzi du! Tu ok nee spinn’n!“, schmetterte sie meinen Einfall kalt ab.

Die Kastanie am „Knast“ war mir von dem Tage an ein Begriff. Ein allein stehender Urwaldriese, der in seiner Jugend das Buchholz noch gekannt haben mag, als es sich bis zum Salztor erstreckte und der bei der Vorstadtbebauung zu Kaisers Zeiten stehen gelassen wurde.

Vorne Altstadt, hinten Villenviertel, der Knast war die mahnende Schnittstelle zwischen der Arbeitswelt kleinbürgerlicher Läden und dem Luxusleben pensionierter Offiziere und Justizräte im Bürgergartenviertel: Eine Wohlstandsgegend unter lauschigen Wipfeln uralten Baumbestandes des ehemaligen Waldes, von dem oben auf dem Berge noch ein Rest existierte. Ziel der fast täglichen Kindergartenspaziergänge zur Waldschlosswiese, dem Schauplatz meiner erträumten Troll-Befreiungsabenteuer. Zwecks Baulandgewinnung um 1900 hatte man klug berechnend gerodet, so dass in jedem zweiten Villen-Garten eine alte Eiche, Buche, Linde überlebte – ganz so, wie eben die Kastanie am Gefängnistor.

Was ein Gefängnis ist, war bereits mit dem 3jährigen erschöpfend geklärt worden.
Ins „Gefänk-nis“ kommen Diebe. Dieb wird man, wenn man als Kind nicht auf die Erwachsenen hört und heimlich an die Keksdose der Großmutter geht. Dann wird man verhaftet, und bekommt diesen schwarzen Schlafanzug an, mit dem breiten gelben Streifen auf dem Rücken und an den Hosenbeinen, den man den ganzen Tag tragen muss. Dann muss man den Hof fegen, Tag und Nacht, und kurz vor der Entlassung eben auch mal draußen vor der Mauer. Zu essen gibt’s nur altbackenes Brot und Brennnesselsuppe… Ich wusste also Bescheid. Nichtsdestotrotz wurde die Belehrung beim fast täglichen Vorbeimarsch erneuert:

„Wenn du wieder ohne zu fragen die Keksdose tust plündern, gehmor da nei und dann gebch dich doa ab“, bekam ich gar oft zu hören. Jedoch verfehlte die erzieherische Maßnahme alsbald jegliche Wirkung auf den in mir schlummernden schwerkriminellen Süßwarenvernichter.

„Ich war da schon!“, konnte ich (mit sechs) stolz kontern. Zum Tag der Volkspolizei hatte die Kindergartengruppe dort vorgesungen und war anschließend bewirtet worden – mit Keksen!

Das Gefängnis war ein hingenommenes Gebäude. Mehr nicht. Der Baum davor bekam mehr und mehr Bedeutung. Als ich die Heldensagen las und immer wieder mal so Taten wie „ Mit nur einem Axthieb fällte er die Eiche, deren Stamm 6 erwachsene Männer nicht umfassen konnten.“ angedreht bekam, war DIESE Kastanie mein Maßstab. Connie, Udo und ich reichten (9jährig) nicht aus, um sie zu umfassen!

Großmutter ging mit mir ein paar Tage nach dem Chris’baumwunder in unsere Gartenparzelle hinter dem Mietshaus und stellte mich vor ein dünnes Gewächs, das meine Größe hatte.

„Na? Wesstes schon, was das kennte sein?“
„Nö? “
„Guckok die Blätter! Finger wierane Hand – ist? — eine? —-“
Achselzuck meiner- und aufkommender Unmut ihrerseits.
„Kastanie!“ triumphierte sie.
Und weiter: „Die habbich gepflanzt, als mer hier sein ei’gezong. Damits hier a bissl so werd wie zehause. Frieher in P. an meim Vaterhause standen ooch Stücker sechse! Die Kastanie dafier hobbich am Gefängnis aufgehohm. Da hab ich mich noch konnt bicken. Das Bäumchen is alt assu wie du.“
Und weiter:
„Fassocke mal a dohier. Spierstes?“
Der obere Teil war klebrig.
„Wie Honig, nich wahr? Aber nee abbrechn, hearst! Da wächst se nimmer! Fressn kannsts se eh nee, da verreckscht! Hearst!“
Ich ging nun alle Paar Tage kontrollieren, ob die Spitze noch dran ist und belehrte Udo mit meinem neuen Wissen. Jedoch auch er verblüffte mich mit einer weisen Vorausschau:
„Noch isse dünne und kleen, obor wemmor erwachsn sinn, beschmeißn sich hier unsre Gindor mit Gastanchen und unsre Weibor lächnse übers Knie dafor.“
Wow.
Leider sollte es anders kommen.
Zwei Jahre später zogen wir ins Eigenheim. Die Nachmieter gestalteten als erstes die Gartenparzelle um. Großmutters Kastanie wurde nur 7 Jahre alt.

4 Gedanken zu “Kastanien I

  1. Ich glaube ja notorisch nicht an Zufälle.
    Jetzt also deine oder deiner Grossmutter Kastanie.
    Ich warte seit Wochen auf den richtigen Himmel für meinen Kastanienpost. Die alte Kastanienallee von der Stadt M. an Lummerland endend und sich am Ortsausgang wiedererhebend in Richtung der Stadt D.
    Ein paar alte Bäume haben sie stehen lassen an der Strasse von M. her, die Ignoranten…

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  2. Pfirsichbaum. Ein Pfirsichbäumchen an der Südseite des alten Hühnerstalles vom Gehöft an der Biegung des Flusses. Der Herr Papa schimpfte über diesen Unsinn, doch Ominkel hörte nicht auf ihn: „Die Kinnersche sullen was richtsch naschen!“…
    Der Großfamosbruder brachte mir welche beim letzten Besuche mit. Es gibt keine besseren, niemalsnichtaufderganzenwelt!
    Danke für Ihre Kastaniengeschichte, ich gänsehaute ordentlich gerade.
    Herzliche Grüße, ihre Frau Knobloch, erinnerungsberührt.

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