Klepper

(Fortsetzung von „Auf Praxis“ und „4 Pferde gehen fort“ sowie „Troll – der Bär“)

Ritter Runkel im MOSAIK ritt ein altes Pferd namens Türkenschreck. Eigentlich die Karikatur eines Pferdes, aber nicht auf Schönheit, sondern auf seinen Verstand kam es an. Runkels Vater hatte beim Zusammenbruch der Kreuzfahrerstaaten angeblich einen Schatz versteckt und war nun zu alt und zu unbeweglich geworden, ihn zu holen. Deshalb war sein Sohn Runkel in Begleitung der Digedags unterwegs, um dieses Vermächtnis zu erfüllen…

Die Geschichten des MOSAIK, soweit wir sie in der dritten Klasse bruchstückhaft besaßen, waren mir schon zu Kindergartenzeiten genauso oft vorgelesen worden, wie Grimms Märchen. Ich kannte sie in und auswendig und sie waren noch Jahre später ein willkommener Ersatz für nicht vorhandene Karl May Bücher und ebenso abwesende Bessy-Hefte.

Im Vorabendprogramm des Ostfernsehens lief um 69/70 herum einmal wöchentlich um 19:00 Uhr „Don Quichotte“ und der ritt etwas, was noch schlimmer aussah als Türkenschreck. Kein wirkliches Pferd mehr, sondern ein lebendiges Skelett: Rosinante.
Alle in der Klasse guckten das. Keiner verstand die tiefere Bedeutung. Einige maulten: „So ä Knääd! Meine Alten sagen immer, das soll lustig sein. Ich find da keene Stelle zum Loachn! Das ist doch bloß blöde!“
Wir waren uns schnell einig, dass „Der Kapitän vom Tenkesberg“ oder „Daniel Boone“ die besseren Serien sind.
Westen gucken war in der dritten oder vierten Klasse noch nicht so verbreitet. Jedenfalls noch nicht offener Gesprächsstoff.

Eines Tages war wieder einmal mitfahren auf Praxis angesagt. Der Tag war fast rum. Spätsommerliches Abendrot im Saaletal.
Wir waren zuletzt bei ein oder zwei Notschlachtefällen gewesen und es hatte dort geheißen: „Nichts mehr zu machen. Hier haste ä Schlachte-Attest. Lass es abholen.“
Im Auto bekam ich dann erklärt, dass es darum ginge „schnell zu schlachten“, um das Tier von seinen Leiden zu erlösen. Außerdem bekäme der Bauer bei kranker „Lebendabgabe“ noch ein paar Pfennige. Ließe er erst das tote Tier abholen, müsse er die „Kadaverbeseitigung“ bezahlen.
„Und wir essen das Fleisch von kranken Schweinen als Knackwurst?“
„Neehhhh! Das Fleisch ist dann als minderwertig eingestuft. Das überwachen die Tierärzte auf dem Schlachthof. Das geht nur noch als Tierfutter für unsern „Tiger von Eschnapur“ hier (Tätschelklaps an den stets zwischen uns beiden sitzenden Foxterrier, der viele Namen hatte und auf keinen richtig hörte) oder für Troll in K.“
Richtig! Zootiere müssen ja auch regelmäßig gefüttert werden!

Während dieser Erklärungen erreichten wir Sch. an der Saale.
Am Ortseingang und Flussufer war eine Weidefläche eingezäunt und dort stand: Der kleine Toka-ihto glaubte seinen Augen nicht trauen zu können! Rosinante! Exakt wie im Fernsehen! Solche Schabracken gab es wirklich! Don Quichotte war hier? Mein Blick suchte reflexartig nach Sancho Pansas Esel, aber das Pferd war allein.

Der Dakota wollte nun zeigen, dass er was begriffen hatte: „Guck mal da! Müsste der Gaul da nicht auch längst ein Schlachte-Attest haben?“
Vater bremste scharf und hielt.

„Ja, der sieht elend aus. Ich seh jetzt nicht, ob das der Willi oder der Hansi ist. Das waren eigentlich immer zweie. Der andere hat wohl in der Zwischenzeit das Zeitliche gesegnet. Aber solchen Pferden, wie den beiden, gibt man nicht einfach so den Schlachteschein! Das sind Helden. Die haben sich ihr Gnadenbrot mehr als verdient. Die hamm den Leiterwagen gezogen, mit dem der alte Ruschak mit Frau und 3 Kindern nachm letzten Kriege von Rumänien bis hier gekommen is’. Das is noch weiter weg, als wie von unsen zu Hause. Die ham die Familie vor Sibirien gerettet. Ruschak ist nicht reich geworden, aber den Pferden hats an nischt gefehlt. Der wusste, was er ihn’n verdankt. Der hat die och nich in de LPG gegeben. Das sind seine Familienmitglieder bis zum Ende, hattor ümmer jesacht. Und dann issor schnellor jestorm wie die. Deshalb steht nun noch der eine da. Gucke, der rührt sich nicht. Alte Pferde schlafen im Stehen.“

Er wollte gerade wieder Gas geben, als ein Bauer auf die Koppel gestapft kam. Ruschak, der jüngere. Vater ließ mich die Scheibe runterkurbeln und rief:

„Arbeite und vergiss Gott nich’!“
„Ach! Duktor! Du widder! Musste widdor örchendswo Ferkel entmann’n?“
„Is das da dor Willi oder dor Hans?“
„Hans! Hansi is übbrich. Willien hats vor 3 Wochen erwüscht. Lachnabmd hier off dor Kobbl und Hansi stand danähm und schlief. Dor Abdegger wolltenn glei mitnähm. Dass habbch mor vorbetn! Ich und Hansien auslieforn! Dor Opa würde mittn Grabsteen nach mir schmeißn, wenne das erfahrn täte! Hansien stehn noch ä paar Taache längor zu.“
Das Pferd war inzwischen erwacht und stakste vorsichtig in Richtung Gatter.
Vater: „Er lahmt hinten links.“
Ruschak: „Is begannd, Duktor, is begannd. De Hufe sinds nich. S wird de Hüfte sein.“
Vater: „Sollichn was gehm?“
Ruschak winkt ab: „Lass juuhd sein, Dukter. Der wird kee Sprintor mehr.“
Er hatte inzwischen das Gatter geöffnet und machte kehrt und Hansi trottete ihm halfterlos hinterher in Richtung Stall.

Wir hielten immer noch und sahen den beiden nach. Ich trennte mich früher von dem Anblick als Vater. Als ich ihn ansah, streichelten seine Augen die trottende Pferderuine immer noch ganz versonnen. Und er murmelte mehr zu sich selber als zu mir:
„So seh’n Helden aus. Der muss um die 40 sein. Aber’ne schöne lange Gnadenbrot-Zeit hat er noch gehabt.“

Ich kapierte damals, dass man wahres Heldentum nicht sehen kann und das in der elendsten Erscheinung einer stecken könnte.

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9 Gedanken zu “Klepper

  1. Der Befehlsleseknecht offerierte erstblickig eine Ritterunkelreminiszens, aber was Sie hier Ihren geneigten Leserpupillen präsentieren, ist wesentlich mehr. Sie erzählen von Erfahrungsprägungen, deren Präsenz heutzutage mehr und mehr verschwindet. Danke dafür und eine herzhafte Bitte um weitere solche Rückblicke, herzlichst die Ihre.
    Oder anders gesagt: Nu mach ok amoale hinne, bevorse verschwinnen die oalten Gschichten…

    Gefällt 1 Person

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