Auf Praxis

Fortsetzung von „Großmutter“ und „Oldtimer II“

War Großmutter auf Reisen, der kleine Dakota aber in Rekonvaleszenz und somit nicht im Kindergarten, so hatten die Eltern ein Problem. Eigentlich gebärdete er sich recht vernünftig, so dass man ihn auch mal alleine spielen lassen könnte. Andererseits wurde soviel erzählt von Kindern, die aus dem Fenster fielen, wenn sie nicht gerade die Finger in der Steckdose hatten, die Wohnung anzündeten oder sie gar fremden Erwachsenen zum Ausräumen überließen.

Zur Vermeidung prä-pubertärer Tragödien gab es also nur eines: Du fährst morgen mit Vati auf Praxis.

Eine Option, die dem Dakota mit zunehmendem Alter immer weniger gefiel.
Und das lag nicht etwa an Vater oder den Tieren, sondern an den Bauern….

…und Dialogen dieser Art:
„Na, Dukter, heite mit Vastärkung?“
Vater mit gespielter Gebrechlichkeit: „Ja, alleene schaff ich’s nicht mehr.“
„Is das dor Chruuße oder dor Gleene?“
„Dor Kleene und dor Große.“
„Och? Hunnse bloß den ehn?“
Blick auf mich hinunter:
„Der is abor janz de Muddi! Der hud jarnischt von Ihn’n, Duktor.“
Vater lenkt irgendwie ab, aber immer zu spät für den Heranwachsenden:

Wer damit beschäftigt ist, ein Mann zu werden, der hasst nichts mehr, als mit „Muddi“ verglichen zu werden!

Und da sich dieser Wortwechsel unwesentlich variierend an jedem Hoftor wiederholte, gabs bei der „Praxis-Ankündigung“ zunächst Protest und da der nichts nützte, hinterher einen sehr schweigsamen Mitfahrer für den Doktor.
Zunehmend verzichtete jener dann sogar auf’s Aussteigen und tagträumte lieber im Auto, bis Vater wieder zustieg.

Aber anfangs war der Dakota noch richtig klein, wurde auf der Fahrt mit Pferdewundergeschichten oder Theo Lingen Imitationen bei Laune gehalten und – stieg mit aus:

Bei freundlichen- und bei unfreundlichen Bauern.
Bei witzig kalauernden und wortkarg Scheintoten.
Bei „Hungerkröppen“ und „Krippensetzern“.

Weder das eine noch das andere war der Frosch in P. Der war einfach nur freundlich, klein und wohlgenährt. Erinnerte irgendwie an Louis de Funes und er hieß im wirklichen Leben sicher Meier, Müller, Schulze … war aber über all nur als der Frosch bekannt. Warum auch immer.

Wenn es zu dem ging, wurde es gemütlich.
Egal was anstand: Schweine impfen, Ferkel kastrieren, Pferd wieder hochbringen … hinterher hieß es:

„Nach jetahnor Orweht soll dor Mensch sich stärkn. Kommt rinn in de jute Stuwe.“
Gemeint war zwar nur die Wohnküche, aber schwups hatten Vater und er bisweilen ein Schnapsglas in der Hand. Voll natürlich. „Brösterschn.“ An die Erscheinung aus Gummistiefeln, Kittelschürze, Wattejacke und Kopftuch, die ebenfalls gerade die Küche betrat, erging die Anweisung: „Mache Gaffee, mir ham jekleecht wie Sau!“
Unnötig, denn die Fröschin hatte schon vorgelegt und somit Zeit, das Glas zu kommentieren:
„Dukter, halten se den vom Saufen ab, der erzählt nüchtern schone jenuch Scheiße. Huch, mei Kleenor! Das haste nich jehört, dass die Dante schlechte Wörter saacht.“

Der Dakota hatte andere Sorgen: Vati – das kleine Glas – und Auto fahrn?
Da brach es aus ihm heraus:

„Bier und Schnaps, Schnaps und Bier! Kraftgefühl, wer kann mir…“, begann er den kompletten Trickfilm-Spot aus TausendTeleTips zu rekapitulieren: „Kurve links, Kurve rechts, an den Baum, AUS der Traum! Krankenwagen, Polizei, hohe Kosten, Schererei! Drum lieber Fahrer, rat ich dir: Am Lenkrad! Meide! Schnaps und Bier!“

„Oh, Dukter, der is richtich! Der passd off.“, lobte der Frosch lachend.
Und runter zu dem kleinen Beobachter: „Mache dir ma geen Gobb. Dor Pabba gnallt schon keehn Bohm um.“
Sprach’s und zog wie zur Besänftigung die Tischschublade auf.
Zum Vorschein kommt ein Ring Knackwurst von dem ein 4-5cm Stück abgesäbelt wird. So breit wie eine Kinderhand!
„Hier mei gleenor Bolezisd. Dammitte chroß und stark wörscht. Erst musste Worschd essen dann ganste Agendn fang. Willste ne Bemme dorzu?“
„Nö.“ Und mampf beginnt die Kauarbeit. Absolut lecker! Und ohne dröge Schnitte! Perfekt! Zu Hause hieß es immer: „Ohne Brot gibt’s nischt!“

Dem Frosch ist das wurscht: „Hähä – ooch juht. Brot jespart, for de Garniggl.“
„In der Not schmeckt die Worscht ooch ohne Brot.“, ergänzte Vater auf erzieherischen Einspruch verzichtend.
„Wie de sprichsd, Dukter. Ehn nimmste noch.“ Und schenkt das Glas noch mal voll. Sofort fällt ihm der Wurstvertilgende Kindergarten-Polizist wieder ein, worauf er zur anderen Tischseite gewandt spricht: „Er dringt glei’n Gaffee hindorher, keene Bange.“
Und da der Kleine skeptisch guckt, ergänzt er:
„Een Schnaps is jefährlichor als zweehe, weil der ehne nach links ziehn tut und der andre jetze nach rechts – jetz gann dor Vahdi widdor jradeaus fahrn.“ Klang einleuchtend.
Inzwischen kommt der Kaffee und die Schublade wird noch einmal aufgezogen.
„Hier mei Gleenor haste noch ä Stick. Off ehm Been gammor nich stehn und of ehner Arschbacke nich sitzn.“

Es gibt eine Logik, gegen die man sich nicht wehren kann – mit noch mal 5cm Knackwurst vor Augen!

„Wennde das offhast, fahrtor heeme. Dor Vahdi fährt richtch vornümftich und du sitzt of beede Arschbacken feste. Da gann jar nüscht bassiern. Nich wahr, Dukter.“

Gesagt, getan.
Die beiden steigen ins Auto ein. Vater startet, grinst verschwörerisch seinen Beifahrer an:
„Mutti erzählmor nischt von dem Schnaps, klar?!“
„Von den ZWEI Schnäpsen!“, rülpst es aus dem Dakota, wohlig verdauend.
Augenverleierndes „Ach!“ auf der Fahrerseite – und töff — töfftöfööff- tööööööööf zieht der F9 an und bringt beide wohlbehalten heim.

14 Gedanken zu “Auf Praxis

  1. Deine Kindererinnerungen lese ich gerne. Sie vervollständigen mir das Bild, in dem es auch glückliche Kindheiten gegeben hat

    PS: sächsisch war zwar meine erste Fremdsprache durch Mitbewohner im Haus, aber was bedeutet: jekleecht ?

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  2. F 9 fuhr mein Großvater. Noch lieber war mir ’s, wenn er mich auf seiner Schwalbe abholte. Damit tuckerten wir die 15 km die zwischen unseren Wohnorten lagen…Bei der Großmutter angekommen, gab es Mokkabohnen aus Schokolade, die schon im weiß lackierten Küchenbuffet an gewohnter Stelle lagen.
    Und erst die 1000 Teletipps…auf dem Schoß meiner Mutter sitzend, betrachtete ich ihre wunderschönen Hände und flüsterte leise wie eine Liebeserklärung. ..zärtliche Hände, so wundervoll weich…mit Florenacreme.
    Ihre Erinnerungen! Klasse!

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