Prora-Klaps

„Irgendwann werd ich mal“ – nee, nicht Renft singen, sondern mich im Koloss von Prora einmieten. Sicherheitshalber nur für eine Nacht. Und dann werd’ ich wissen, ob man da schlafen kann, oder ob mein alter Spieß wieder neben meinem Bett auftaucht oder mein schlaksiger KC mit dem fiesen Grinsen; am Ende vielleicht sogar dieser widerliche kleine Rostocker oder der blonde Fiesling aus Bützow (Soldaten wie ich, ein Diensthalbjahr über mir) die die „Glatten“ quälten, frei nach der Devise: „Ich bin nichts, ich kann nichts, gebt mir eine Uniform!“ Typen wie die, Kameradenschweine, Schinder, hielten die Manneszucht aufrecht. Solange der prollige Mitläufersadismus existiert, haben die „Säcke“ nichts zu befürchten und nur halbe Arbeit. Man reißt seinen „Ehrendienst“ ab, mancher behauptet, es bräuchte nur eine Arschbacke und im Nachhinein sei’s ein Lacher gewesen – mancher jedoch brauchte beide Backen und der Lacher kam erst durch die Genugtuung, dass sich dieser Kanonenfutterdrillverein 1990 selber abwickeln musste und einige sogar beim Klassenfeind Speichellecken gingen, um einen Dienstgrad tiefer noch Verwendung zu finden!

Nach der Aschezeit galt für mich ehern:

„3 Worte genügen! Nie wieder Rügen.“

Seit 1998 wurde ich dem Prinzip untreu. Und immer, wenn mich alle paar Jahre mal meine Wege nach Ralswiek oder Sassnitz führten, war ein Abstecher zum Koloss drin, um die alten Demütigungen am dortigen Verfall gesunden zu lassen.

Kann heute noch jemand nachvollziehen mit welchem Most im Kopf man nach 18 Monaten Eingesperrtsein dort endlich wieder raus kam?
Welche Euphorie und wie viel Amok-Lust sich da Paroli boten?
Wie man sich ins Held- und „Resi“-Sein* hineinsteigerte, um all die erlebte Unfairness und strunzdämliche Propaganda zu vergessen?

1981 empfing mich zu Hause im Radio die NDW mit Interzone, Fehlfarben und Cats TV „Ich gehe nie mehr nach Cuxhaven! NEINNEINNEIN! … Ich fühl mich wie ein Indianer! Ins Reservat gedrängt! Oh wie toll!“ Auch ein Negativ-Küstenerlebnis, wenn auch woanders.

2015 nun gibt es von Bear Family Records bereits zwei genial kompilierte Doppeldecker namens „Aus grauer Städte Mauern“ und darauf eben dieses Cats TV-Stück „Koxhaven“, aber noch wichtiger: Interzones „Berlin West“! Der Urschrei über verdrängte, nicht gern gesehene, Zustände.
Und eben solche Zustände hatten mich in den ausgestandenen 18 Monaten beherrscht. Keine Heroinprobleme zwar, aber Leben unter Underdogs, die ihren regelmäßigen „Schluck“ brauchten und in Ermanglung von Alkohol Rasierwasser soffen, geführt von Feldwebeln, die aufgekohlt** hatten, weil sie draußen in der LPG zu blöd waren, mit dem Jauchewagen gradeaus zu fahren! Und die Offiziere? Waren meist intelligent genug, zu kapieren, welch ein Fehler es war, diese 25 Jahre zu nehmen. Die hatten an ihren „Tagen“ zu tragen und soffen sich die Lage schön. Die Schießergebnisse interessierten sie, das nächste „Rohr“***. Die Leute nicht.

DAS erzählen sie nirgendwo in den verlogenen Militärgazetten, in die bisweilen auch eigenartig milde Artikel über die NVA geraten, die von einem „guten Kampfgeist der Truppe“ schwätzen. Davon erzählt auch nicht das Armeemuseum im Koloss selbst, alles eitel Sonnenschein und der Rest ist KdF-Bau-Mystik.

Veteranen der Bausoldaten, die als quasi-Wehrdienstverweigerer besonders schlecht behandelt wurden, wollten in den 90ern dort eine Gedenkstätte gründen und scheiterten an der vorort lebenden Ex-Offiziersmehrheit.

Nun wird alles saniert und als Steuersparmodell Appartementweise verhökert.
Urlaubs-Idyll mit Meerblick. Ich beging in diesem Jahr den Fehler, mir eine Musterwohnung nicht nur anzusehen, sondern auch „erklären“ zu lassen.

Deshalb fuhr ich diesmal wütender nach Hause als im vorigen Jahr, denn dieses vergessenmachende Maklergequatsche störte mich extrem.

Ich bedröhnte mich auf der Heimfahrt mit Part 2 des GrauenStädteMauernSounds.

Interzone „Blnw“ repeat-repeat-repeat…

Und so ist das Folgende entstanden:

Was ist denn los in Prora-Nord
Die ganze NVA ist fort!

Offz-Familien? Großer Jammer!
„Ich nehm mirs Leben!“, schreit die Mama!
Papa, hol Investor her,
Sonst stürz ich mich ins wilde Meer!

Es ist so viel geschehn
Könnt ihr mich denn verstehn
In Prora-Nord, in Prora Nord!

Der Koloss stand und er verfiel
Das war das Immobilien-Spiel!

Das alte Army-Personal
Erlebte seinen tiefen Fall
ABM warf nichts mehr ab
Schulden, Suff und schnell ins Grab.

Eines Tages dann Trara
der Sohnemann vom Busch**** ist da!

Des roten Sängers Filius
erwirtschaftet dann Überschuss
für sich natürlich und die seinen
das will mir klassenfeindlich scheinen

Es ist so viel geschehn
Könnt ihr mich denn verstehn
In Prora-Nord, in Prora-Nord!

Renoviern und dann verkoofen
Die Wehrdienstopfer sind die Doofen!
Das Kapitel wird versteckt
Ob „Schwedt“, versehrt oder verreckt!

„Bausoldaten wolln Gedenken?
Dafür sollte man sie henken!“
Wenn die Touristenwelle rollt
DER FÜHRER HAT’S JA SO GEWOLLT!

*    Resi – Reservist, also Zivilist!
**   aufkohlen – Wehrdienstzeit verlängern.
***  Rohr – Flasche Schnaps

**** Busch – gemeint ist Ernst Busch

   13 Boddenrunde oda wattkopie1 06 UvD Sicht 2

18 Gefechtsalarm  08 Piste Prora

34 Ihr habt doch gesiegt    35 Danke

Alle Fotos: Bereich der ehemaligen Ernst-Moritz -Arndt-Kaserne des MSR 29/ III. Bataillon, vom Sommer 2014 vor der Entkernung.

11 Gedanken zu “Prora-Klaps

  1. Armeezeit in der DDR haben wir uns alle immer als ganz furchtbar gruselig vorgestellt, scheinbar lagen wir nicht so falsch. Die konnten sogar Stechschritt, während wir schon bei Gleichschritt Probleme hatten durch den dauernden Kater. Das waren voll die fanatischen Soldaten da drüben, alles Kampfsportler mit Bajonettausbildung und so, während wir nur überlegt haben wie man sich trotz kein Sold mehr inner Tasche die Birne dichtsaufen kann und wir waren da sehr erfinderisch und erfolgreich.

    Und das Märchen von der überlegenen Technik glaubt ja auch keiner mehr, wenn der Panzerspähzug vor einer Übung schnell Motoren wechseln muss, damit von den 10 Dingern wenigstens 4 fahren können. Also danke nochmal, dass ihr uns nicht angegriffen habt *gg*

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  2. Vielen Dank für diese Erinnerung, wenngleich sie wohl eine sehr bittere ist … und ich erinnere mich dabei an meine Zeit, als ich die Anerkennung als „Kriegsdienstverweigerer“ (wahlweise: vaterlandsloser Geselle oder Drückeberger“) gemäß Artikel 4 Absatz 3 Grundgesetz anstrebte.

    Der damalige Zirkus in der BRD ist natürlich ein Klacks gegen Deine Erfahrungen. Wenn ich das recht verstanden habe, konnte man in der DDR auch den Kriegsdienst verweigern, wurde dann aber wohl ein sog. „Bausoldat“, oder ? Klingt auch nicht lustig.

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  3. Schönen Dank für diesen Rückeinblick in eine Welt, die wir, wie es Zaphod schrieb, als Horrorfilm auf dem Schirm hatten. Ahnungslose, die wir gewesen sind.
    Ich hatte da mehr Glück, ich habs auch im Westen nicht erdulden müssen.
    Mehrfach abgelehnt als Verweigerer wegen meiner, wie mir heute scheint, hellseherischen Argumentation, ging ich nach Berlin und wurde Fotograf.
    Manche reden von „Fotos schiessen“, eine Metapher, die ich nie verwende(te), genauso lehne ich auch ein Fotoshooting (eine Schiesserei) ab.
    Manchmal in Tagträumen gibt es keine Armeen mehr – weltweit.

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  4. Sehr geehrter Bludgeon,
    für mich persönlich ist dies Ihr in jeder Hinsicht bester Beitrag.

    Als ich ihn zum ersten Mal gelesen habe, war mir so klamm in der Herzgegend, dass ich ihn nicht entsprechend würdigen konnte, weil mir die Worte nicht fließen wollten.
    Genaugenommen geht es mir heute ähnlich, aber ich raffe mich auf, denn das kann ich einfach nicht unkommentiert lassen.

    Ich finde es ganz, ganz wichtig, dass darüber gesprochen und geschrieben wird. Über Bausoldaten, über Schwedt, über die Helden, die totalverweigert haben und über den ganz normalen, menschenverachtenden und versehrenden, perversen Irrsinn in den Militäreinrichtungen auf der ganzen Welt. Und auch darüber, wie wir als Gesellschaft damit umgehen, auch im Nachhinein.

    Ich danke Ihnen, dass Sie die Gelegenheit Ihres Blogs dazu genutzt haben, und ich danke Ihnen für den Mut, dies auf einer sehr persönlichen Ebene zu tun. Und ich gratuliere zu der Form, die Sie dafür gefunden haben.

    Was mich, bitte verzeihen Sie, aber für mich gehört das zur Vollständigkeit, traurig macht, ist, dass Sie bei den Opfern von Demütigung und Gewalt zwischen schuldig und unschuldig unterscheiden. Denn für mich gehören auch die Jugendwerkhöfe in diesen Zusammenhang. Kein Mensch kann es sich verdient haben, wehrloses Opfer von Willkür zu werden.

    Zu Schwedt ist mir heute noch etwas Aktuelles über den Weg gelaufen. Mehr oder weniger haben wir das zur Zeit ja überall. Aber ich habe mal irgendwo Einwohner von Schwedt über das ehemalige Gefängnis reden hören und die hatten natürlich keine Ahnung… Und so gesehen, ist es Faust auf Auge: http://www.neues-deutschland.de/artikel/982775.asylbewerber-in-schwedt-angegriffen.html

    Freundliche Grüße
    von Ihrer dankbaren Leserin

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  5. Super geschrieben !
    ich bin da als Westler immer nur rumgelaufen und habe die Anlage bestaunt und mehr über die Naziversionen gegrübelt als an die NVA gedacht…war ja im gegenüberliegenden Verein 12 Monate…und trotz der tollen Lage…wohnen möchte ich da nicht , egal wie toll das auch alles umgebaut werden soll….
    Beste Grüsse von Jürgen

    Gefällt 1 Person

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