Coming of age with Joan

ARD: “Szene’78” . Thomas Gottschalk moderierte einen neuen Namen an. Es könnte eine weitere Punk-Überraschung sein. Bei ihm traten schon Ultravox mit „young savadge“ auf und Iggy Pop mit „16“! Das Diodenkabel steckt. Die beiden Daumen drücken automatisch die Aufnahmetasten. Die Kamera schwenkt auf ein paar schweigende Negerlippen. (Oops, jaja, geschenkt!)
Die fangen an, Worte zu formen. A cappella:

„Show some emotion especially in your eyes, if you feelin’ happy – and if it’s bad don’t let your tears roll down!”

Rumms, rupf, vertrackt rumpelt sich die Musik in den Song. Die Kamera fährt zurück und zeigt nun eine sehr attraktive singende Gitarristin. Ich bin hin und weg. Text, Musik, Erscheinung, alles passt. Die Aufnahme ist auf Kassette. Mein erster Song von Joan Armatrading. Kein Punk. Aber komischerweise überhaupt nicht schade. Mehr davon!

Lange musste ich nicht warten. Der Armatrading-Hype hatte begonnen, wie und warum auch immer. Hessen 3 und NDR 2, die bei mir am besten empfangbaren Sender, bringen in nächster Zeit reichlich Beutesongs ein, die sich nun zwischen Aufnahmen von Blondie, Ramones, Sex Pistols, Clash, New wave a la Talking Heads und alt bewährten Supertramp- und Elvis-Melodaien tummeln.

„so many young ladies with the innocence of a child …. Are trying to tame the wild one…”

Aufwachen sonntagmorgen, neben dir ein angewinkeltes Mädchenbein… ein Guter Morgen Kuss trifft auf den erwachen-spielend herausgeseufzten Satz „ich hab mir noch nicht die Zähne geputzt“…

Klick . Band läuft. Schön wär’s wenn jetzt „Baby, I“ der schönen Joan (wie von Zauberhand herangespult) erklingen würde. Aber soviel Perfektion gibt’s nur im Film. Statt dessen erschallen Rainbow (with their big one!) „Long live Rock&Roll!“. Abwürg, spul, klick: “Police and Thi-iefs! Fighting the Nation! With their guns and ammunition!” A-a-a-a-ch, Verreck! Ich such die musikalischen Streicheleinheiten und sie kichert schon: „Findet sich nichts Sanftes?“
Doch! Da! Rod Stewart! – ….aber oweh „the first cut is the deepest“ wir prusten beide los und meine schamrote Birne fällt zurück aufs Kopfkissen.
Wir kuscheln trotzdem weiter.
„Your a lion in my path, sxcuse me!“ endlich Joan! Gott sei dank, hab ich die Textübersetzung des Moderators damals nicht mit aufgenommen. Sie achtet nicht so auf die Message. „You get too jealous! You patronize me!“ Nun dauerts noch mal 3 Minuten, bis „Baby, I“ endlich erschallt, aber die Morgenstimmung ist leider verbraucht. Wir stehen auf und frühstücken.

Gefechtsschießübungen in Lübtheen 1980. Die Kompanie liegt im Dreck. Waschen fällt tagelang aus. Nachts hausen wir in kleinen Behelfsbaracken, aufgebockten Waggons, immerhin keine Zelte! In meinem dudelt abends das Kofferradio des Ural-Fahrers. Solange noch „Säcke“ (=Offiziere) in der Nähe sind nur die auf der Skale mit Heftpflastern gekennzeichneten Ostsender. Ab Nachtruhe 22 Uhr leise NDR.

„…die neue LP von Joan Armatrading ist eigentlich keine. Es sind nur 4 Stücke drauf. Ihr Manager wollte nicht warten, weil er sie für so stark hielt, dass sie sofort veröffendlicht werden müssen…“

Irgendwer mault: „Maaaahn, Ottmar! Mach die Heule endlich aus!“ Ich bin mit einem Schlag hell wach: „Nee, lass ma!“ „Maaaahn, Schreibee, du wiedee mit deine Negas! Wenn ihr jetz nich’ aus macht, petz ich dem Politnik!“
„Nach dem Lied.“

„Ohuo, Rosie don’t you do that to the boys!“ erklingt. Es schmerzt, jetzt nicht aufnehmen zu können. Freiheitsberaubung, elende!

Mit einem Uffz, der ebenfalls Musikjunkie ist und einen berenteten Vater hat, rede ich über Westplatten. Sein Vater darf reisen und bringt mit: YES, Genesis, Who … und Anfang 1981 die „Me, Myself, I“ – das Nachfolgewerk der Rosie-EP. Westplatten aufnehmen zu können, ist ein so starker Reiz, dass ich beschließe, im Kompanieurlaub auf die Urlaubsvorschriften zu scheißen und den Uffz im Harz zu besuchen. Eigentlich müsste ich in meiner Heimatstadt bleiben, aber ich wage 100 km Bahnfahrt zu ihm nach Hause. Als ich die LP in der Hand halte, erschrecke ich: Wie sieht die denn aus? Er: „Ich hab mich auch gewundert, was du da von schöner Frau gefaselt hast.“
Egal. Heiraten wollten wir sie beide eh nicht. „All away from america“ lässt die geschwundene äußere Attraktivität schnell verschmerzen, obwohl mir die früheren Songs einen Tick besser gefallen haben.

Von nun an wird die Westplattenzufuhr (bzw. das Aufnehmen dürfen) besser. Aber von der schönen Joan hat niemand was. Meine Radioaufnahmen fallen nach und nach mehr oder weniger gut geplanten Lückenlöschungen zum Opfer. Die meisten Songs stammten von einer LP namens „To the limit“ und die findet sich auch nach dem Mauerfall nirgends.

Also musste zunächst mal eine „Best of“ her. „From the Bottom to the top“, “Rosie”, “show some emotion” sind somit wieder da, aber ein Happy end sieht anders aus.

1995. Fortbildungswoche im ehemaligen Westberlin. Auf der Hinfahrt im Autoradio: „Übermorgen gastiert nach langer Bühnenabstinenz Joan Armatrading in der Stadt. 20 Uhr im Metropol stellt sie ihre neue Platte vor. Karten auch an der Abendkasse.“
Mittwochabend am Nollendorfplatz – nur vereinzelte Schlenderer am Metropol. In meiner provinziellen Ossi-Denke glaubte ich an Andrang. Karte kriegen? Kein Problem. Ich verliere mich mit etwa 150 Leuten auf einer riesig erscheinenden Tanzfläche und scheine der einzige zu sein, der die Lahmarschigkeit des Sekundenzeigers verflucht. Pünktlich 8 Uhr: Schwelltöne auf dunkler Bühne: „lucky, I’m lucky, I walk under letters…“ Yeah! Ich hebe ab: Szene 78, eines sonntags in july waiting for the „Baby,I“, Rockpalastpausen-Schnipsel 1979, Lübtheen, Kompanieurlaub… Beste Dienstreise ever!

Der Merchandising-Stand jedoch war jämmerlich bestückt. Das Happy end ließ auf sich warten – bis 2015.
Vorige Woche amazon: „To the limit“ – only als download – was soll’s!

Heavy rotation selffullfreilich:

“Babe? Are you hear that? What we got is the be-hest!” Repeat! Yeahr!

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24 Gedanken zu “Coming of age with Joan

  1. Klasse geschrieben. (ich sollte auch mal wieder über musikalisch durchtränkte Erlebnisse schreiben, wenn ich deine Beiträge dazu lese.)
    ABER: Joan Armatrading geht bei mir garnicht. No-Go. Oh Gottogott… Die mit ihrer Ovation.
    Danach tauchten immer Ovations auf den Bühnen auf. Und verschwanden irgendwann wieder weitgehend…

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  2. Es ist mir ein Rätsel, wie einer, der SO schreiben kann, keine Probleme mit der Sprache des Herrn Spielhagen haben kann!
    Für mich war Joan A. auch eine Offenbarung. Heute spüre ich sie nicht mehr; keine Ahnung, ob das gut oder schlecht ist.
    Vielleicht das: http://www.ovationguitars.com

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      • Wirklich, keine Ahnung von Musik: Meinen hausinternen songcontest hat der Kühlschrank gewonnen… Und was ovation betrifft: Nie gehört, ich habe einfach gegoorgelt. Vielleicht gibt´s da eine storry behind the guitar.
        Zu Armatradings Person hatte ich früher (aktuell kann ich nichts sagen) den Eindruck, dass sie über die Liebe singt und dabei das Mann-Frau-Ding schlichtweg ignoriert. Also, sie sang als Mensch, ohne sich spezifisch als Frau zu inszenieren. (Eine Inszenierung, ohne die heute kaum mehr eine auskommt, unabhängig von Orientierung, oder vorgeblicher Orientierung.) Aber das muss man nicht mögen, speziell nicht als Mann.

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      • Komisch, das ging mir genau andersrum. OBWOHL sie so kämpferisch emanzipiert rüber kam, hat mich das nicht gestört. Im New Musical Express der 90er hab ich mal das Bonmont gelesen: Sie scheint sich in eine Ecke manövriert zu haben, aus der sie nun nicht mehr herausfindet. Ihre Texte erzählen die immergleiche Botschaft: „Ich liebe dich, aber ich bin stark, also hau ab!“ Ich mag von ihr (fast) alles, auch wenn ich längst nicht mehr alles kaufe deswegen.

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      • Vielleicht reden wir über das das Gleiche. Gerade den zitierten Satz kenne ich von verletzten Frauen UND Männern. Wir schreiben ihn aber viel mehr Männern zu, Frau stellt sich damit in eine Ecke…

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      • Ich weiß nicht genau warum, aber mir fällt dazu das Video von Shakira ein, in dem sie die Karre ihres Ex demolliert. Die Inszenierung von: Der Kerl hat mich beschissen (Drama, erster Akt ). Ich bin so wütend (Drama, zweiter Akt ) Jetzt tue ich etwas total irrational und irgendwie Lächerliches (Drama, dritter Akt). So inszeniert sich Frau. The Lonesome Cowboy, also der, der seinen Weg gleich allein geht, Verletzungen gar nicht mehr zulässt, nach dem showdown einsam ins Off läuft, ist eine männliche Inszenierung.
        (Shakira übrigens ist einer der ganz wenigen Gründe, für die ich lieber Mann wäre… Und Penelope Cruz. Und natürlich M.M.)

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      • Don’t bother! Schönes Video. (Pardon.) Wenn Frauen anders reagieren würden – also auch so einsam ins Off reiten, dann kämen wir ja bei diesen Russ Meyer Dominas raus. Igitt! Marilyn war auch nicht so mein Fall, dann lieber Brigitte B. oder Claudia C.

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  3. Versteh ich auch nicht. Die Dame hatte ne Menge gute Stücke im Repertoire, das Rockpalastkonzert damals fand ich jedenfalls überzeugend. Hat mich auch gleich mal inspiriert was aufzulegen, zu mehr als einer Best of (Track Record) hat es bei mir trotzdem nie gereicht.

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  4. 1978 ist zu früh für mich.
    Aber zu den Lagern und zur NVA habe ich Geschichtchen, ha.
    Des Gärtnergatten Großmutter besuchte das kapitalistische Ausland, als Rentnerin dürfte sie ja. Nur kam sie nicht mehr zurück. Das dadurch das geplante Studium ihres Enkels in Gefahr geriet, hatte sie nicht bedacht. Nur eine „freiwillige“ ,dreijährige Armeezeit stellte einen eventuellen Platz überhaupt noch in Aussicht. Von seinen ausgezeichneten schulischen Leistungen war kaum noch die Rede.
    Begonnen hat sein Armeeschicksal in Seeligenstädt. Waldmeer, Sandmeer, nichts mehr…,später durch Zufall in die Kaserne in F.,15 km von meiner (unserer) Heimatstadt entfernt, hatte er ständig Ausgangs-,Urlaubs- und sonstige Sperren.
    (Nichtsdestotrotz haben wir es geschafft unsere Tochter herzustellen.) Eigentlich ist diese Zeit mal einen Post wert.
    Sie und Ihre grandiosen Erinnerungen!
    Herzeliges!

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  5. Wertester, die Musikke ist nicht meine, aber Ihre Erzählungen sind bonfortionös dazu. Und bitte entschnappen sie sich wieder, alleine die Worte der Leserin sind mehr wert als dutzende Sternchen… Das Drama in drei Akten, herrlich, ich danke auch ihr…
    Herzlichst, Ihre Frau Knobloch.

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  6. An anderer Stelle aufgelesen:
    …ein verspätetes Dankeschön (Betonung auf “schön”) für den dort erbrachten Blutzoll…
    „Betonung auf schön“ verstehe ich nicht. Finden Sie jetzt dieses Monstrum schön? Oder ist das eine Bezugnahme auf den Zeitgeschmack?

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    • „Betonung auf „schön““ sollte ausdrücken „Endlich“. Egal mit welcher Absicht errichtet, war es endlich eine staatliche Anerkennung der Leistung und der Opfer von 1813-15 überhaupt. Vor 1914 waren Leipzig und Waterloo die blutigsten Schlachten in Europa. Dass an diese Orte Denkmale gehören, war überfällig. Die vielen kleinen Turner-Gedenksteine zuvor waren ja nichts staatliches.(Nebenbei mag ich sowohl den kaiserzeitlichen Pathos-Kitsch, als auch das Völkerschlachtdenkmal oder den Kyffhäuser wirklich.)

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      • Mit Verlaub, Mr. Bludgeon: Bei manchem darf`s einfach ein bisschen mehr sein… B.B., C.C. und Pathoskitsch (vermutlich auch noch -rock)…
        Denkmale sind eine Sache für sich. Meistens finde ich sie furchtbar. Deutsches Eck zum Beispiel. Graus.
        „Völki“ und Kyffhäuser habe ich noch nicht gesehen, sehe auch keinen Anlass. Wenn ich aber auf der Außenstelle eines KZ den Saunabereich eines Erlebnisbades sehen muss, weiß ich, dass mir ein Denkmal lieber gewesen wäre. Und da meine ich wirklich Denkmal. Eine Hinweistafel finde ich dort nicht weniger peinlich als keine Hinweistafel.
        Was mir sehr gelungen scheint, ist das Mahnmal für die ermordeten Juden in Berlin.
        Sobald die Erinnerung an Massensterben mit der Verherrlichung von irgendwem oder irgendwas einhergeht, wirds in mehrerlei Hinscht gefährlich. Freiheit, die des Volkes, ist vielleicht die einzige Ausnahme.
        Wie immer, herzlichen Dank für die Geschichtsnachhilfe!

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      • Übereinstimmung. Auch ich möchte mit meiner Denkmal-Achtung keine Kriege verherrlichen, sondern sie als Danksagung an die Opfer verstehen – und eben NICHT pauschal alle „gruslig“ empfinden müssen. (Jetzt glaub ich langsam, ich mach doch noch einen eigenen Post hier daraus.)

        (Pathos-Rock: Queen, Savatage, Meat Loaf – in letzter Zeit nicht mehr so oft, aber die find ich schon auch noch gut.)

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  7. Sehen Sie wirklich unterschiedliche historische Konzepte bei Ost- und Westdeutschen wie Herr Ärmel sie anspricht? (Mal abgesehen davon, dass ich mich schon sehr freuen würde, wenn ich bei den Menschen, mit denen ich mich gewöhnlich unterhalte, überhaupt irgendein historisches Konzept, was sage ich, historisches Interesse, ausmachen könnte.) Das von Herrn Ärmel erwähnte Buch kenne ich nicht. Leitet sich der Gedanke unterschiedlicher Konzepte aus diesem Buch ab oder ist das real life? Und wenn Letzteres, betrifft das dann auch die Generation der Nachwende-Schüler?

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  8. Parallelwelt. Joan Armatrading. 1980. Der Westen.
    Zur Bundeswehr ging keiner mehr, mit dem ich damals zu tun hatte. Die Zeit damals war wie ein wilder Rausch im Zeitraffertempo, der sich Zivildienst nannte, eine einzige brodelnde Ursuppe unterschiedlichster Einflüsse, ein gesellschaftlicher Experimentierkasten. Letzter Boxenstop vor dem Eintritt in die Welt der sogenannten Erwachsenen.
    Und wie nach jedem Rausch die Ernüchterung, geplatzte Träume, zerbrochene Beziehungen, Ende von Utopia.
    Und wie es das Schicksal will, werden Ende der 80ziger die Biotope Ost und West zusammengelegt, einem gigantischen neuen Experimentierkasten gleich. Man könnte gemeinsam bei „Rosie“ schwelgen, hat der Song doch hüben wie drüben ähnlich eingeschlagen.

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  9. Eine wunderbare Hommage an eine wunderbare Musikerin … Deine Worte sind einfach nur betörrend gewesen (so wie ihre Musik) … Deshalb ein großes Dankeschön meinerseits. Solche Beiträge erinnern mich immer an meine feste Überzeugung, dass Musik eben der Soundtrack unseres Lebens ist …

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