Das Letzte seiner Art

Es war einmal eine Firma: Lineol/Brandenburg(Havel).
Mit deren zerbrechlichen, aber sehr echt wirkenden Spielzeug-Figuren wuchsen seit Kaisers Zeiten ganze Generationen von Kindern auf. Soldaten, Tiere, Trapper & Indianer, Weihnachtskrippen-Figuren… Trotzdem ist sie heute so sehr vergessen, dass ich jedes Mal sogar meinen Altersgenossen erst ins Gedächtnis rufen muss, welche Exemplare davon sie selbst tot sicher auf dem Gewissen haben.

Heruntergefallen, zerbrochen, in der Sandkiste vergessen und über Nacht aufgeweicht, verkaupelt, verloren, weggeschmissen…
Die Pappmaché-Mischung an den innwendigen Drahtskeletten hielt leider wirklich nicht all zuviel aus.

Und da war einmal ein Spielwarengeschäft in N. an der S., der Heimatstadt des kleinen Dakota. Ein Kellerladen, bekannt unter dem Namen „Onkel Fischer“, der wie alle anderen Spielzeugläden der Stadt, diese Figuren im Sortiment hatte.
Der kleine Dakota ging dort ein und aus. Und nicht nur er. Vom Kinderwagen bis zur Spielzeug-Knarre gab’s dort alles; bis zum Anfang der 70er sogar Matchbox-Autos. Aber dann wurde vieles anders.

Die „Matcher“ verschwanden. Die Lineolfiguren wichen ihren Plaste-Nachfolgern, deren Verpackung nun eine Thüringer Adresse hatte.
Insofern es die Indianer betraf, war das zunächst sogar eine Verbesserung.
Man schien die alten Formen weiter gereicht zu haben, denn die Posituren waren dieselben. Nun aber konnten sie auch mal vom Tisch fallen, ohne dass Risse in Armen und Beinen entstanden, die die nahende Auflösung anzeigten. Auch waren sie Badewannentauglich.

Was das Tierfigurensortiment betraf, kehrte eine neue Schwäche ein: Auf Größenproportionen wurde wenig Rücksicht genommen. Die Pferde passten gottlob weiterhin zu den Indianern, die Elefanten jedoch waren genauso groß und die Schafe reichten dem Schäfer kaum bis zum Knie.

Schließlich schlug die Planwirtschaft zu und sogar die Indianer wurden – erst immer eintöniger angemalt, dann lustlos, schlampig mit Matschaugen versehen und schließlich sogar Mangelware. Und Onkel Fischer starb. Seine Frau führte den Laden noch bis zur Rente weiter, vereinfachte aber das Sortiment mehr und mehr.

Es gab also gute Gründe den Lineol-Zeiten der 60er nachzutrauern!

Ach hätt’ ich doch meine ersten Figuren später bekommen, als ich ihren Wert zu schätzen vermochte. Als ich Dioramen baute und nicht mehr „Kaufmannsladen“ mit ihnen spielte, oder sie in der Kinderzimmerunordnung zertrat!

Aber als der kleine Dakota soweit dachte, da verabschiedeten sich bereits die Geister der Kinderzeit. Sie räumten das Feld für den Möchtegern-Rocker, der bereits heftig an der Friseurbesuchsverweigerung trainierte, aber immer noch zu gehorsam war, um einfach nicht hinzugehen. Nach jeder Heimkehr von dort ärgerte er sich die Platze über das Lob von Mutter und Großmutter. Mit 11 in den sehr frühen 70ern weiß man einfach, dass ein kahler Hinterkopf in Verbindung mit Seitenscheitel und schrägem Hängepony vorn nun mal Scheiße aussieht!

Steter Tropfen höhlt den Stein. Eines Tages, so um 1973 herum gaben die Eltern auf.
Der nun nicht mehr ganz so kleine Dakota war der vorletzte seiner Klasse, dessen Ohren nun endlich unterm „Skalp“ verschwanden. Der hieß aber nicht mehr so, sondern „Mecke“. Der Seitenscheitel blieb. Das Gesamtergebnis ähnelte jetzt einem bebrillten Günter Netzer, abzüglich aller Fußballtalente.

1975 war das Spielzeug längst auf dem Dachboden für die nächste Generation archiviert. Trotzdem regte sich noch dann und wann die Dakota-Seele in jenem frisch gebackenen Slade-Afficionado, so dass er allweil am Schaufenster von „Onkel Fischer“ stehen blieb, um der Zeiten zu gedenken, als er hier seinen Toka-ihto gekauft hatte, oder den tollen Knicker aus Blech und Holz mit doppeltem Abzug, der so schön „echt“ aussah.

Und wie immer konnte man durchs Schaufenster auch die Vitrine am Ladentisch erkennen, in der ganz früher immer die Lineoltiere aufgestellt waren. Dort standen bis zuletzt 3 Kameltreiber mit bepacktem Dromedar in 3 unterschiedlichen Größen zwischen allerlei Puppenstubenkram.
Sie waren ursprünglich Krippenzubehör. Die kleine Ausführung um die 6.-M, die mittlere um die 10.- M und die große für 17,10 M.
Die beiden kleinen Ausführungen hatten schließlich doch Käufer gefunden. Nur die große Ausführung stand noch da.
Ein Relikt. Der letzte Überlebende einer Epoche.
So jedenfalls sah es „Horst Janson jr.“ draußen vor dem Schaufenster.

Die Füße bewegten sich von selbst. Die Hand an der Türklinke – bloßer Reflex. Das altmodische Kuhglockengebimmel beim Öffnen erschreckte ihn für einen Moment: Was mach ich gerade? Ich kaufe Spielzeug? Wie alt bin ich?! Drei Stufen in den Verkaufsraum hinab, da kam auch schon die Frage aus dem Halbdunkel:

„Was darf’s sein?“
„Äh. Was kostet das Kamel?“ (Blöde Frage! 17,10M schon immer! Komme ich vom Mond?)
„17,10“ antworte da auch schon Frau Fischer.
Meine Bewahrer-Gene kämpften mit der Rationalität.
20.- M kostete eine ORWO – Tonbandkassette! MUSIK! Ich hatte nie genug Platz auf meinen Bändern! 16,10 M würde die sehnlichst erwartete erste LP von Stern Combo Meißen kosten! Was will ich mit dem Kamel?!

„Es ist das letzte Stück von der Sorte.“, hörte ich sie sagen.
„Wozu schleppstn so was an!“, hörte ich aber auch schon Vaters Kommentar im Geiste. „Da kannste ja glei’ Tauben koofem und fliegen lassen.“ Oder noch schlimmer „Dafür gebchdor doch kee Taschengeld, dassde dor ahlen Fischern de Ladenhüter abkoofst!“

Haaaach! Warum bin ich bloß noch mal hier rein gekommen!
„Nehm’ses ruhig. In Erinnerung an mein’ Mann. Sie ham doch früher auch hier eingekauft. Bei Ihn’n wär’s in guten Händen.“
Ächz! Der Tante Hedi Spruch! Ich wartete noch zwei Sekunden, ob der Nachsatz „… bei anderen verkommt’s.“, noch kommt. Aber Frau Fischer sah mich nur erwartungsvoll an.

Da hör ich mich schon „Ich nehm’s.“ sagen. Aber auf der einen Schulter saß noch das unsichtbare Teufelchen und fragte sofort: Bist du bekloppt?
17,10! Behutsam waagerecht wie eine Tortenschachtel bugsierte ich den Kauf erstmal zu Großmutter. Die wohnte auf halbem Wege.

„A schienes Stück. Tus ok gutt wegpackng, dosdes dein Kindern noch wirscht könn zeigng, wenn dor Friedn hält. Dei Onkel Rudi hatte och so schienes Spielzeug zu Hause ofm Boden. Das ham jetz olls de Tschechn.“

Derart ermutigt, ging ich den Rest des Weges nach Hause.
Vater stand zufällig gerade in der Einfahrt. Nix da mit verstecken und Strategie überlegen.
„Hastn du da?“
Hhmmmmm, jetz’ kommt’s.
„Bei Frau Fischer gekauft. 17,10.“ Lieber gleich beichten – und nun kommt der Spott… bin auf alles gefasst…und öffne die Schachtel.
Er schaut und spricht: „Noch Lineol.“ Huch! „Schönes Stück.“ Nicht zu fassen! „Das letzte seiner Art.“
Der Kauf war akzeptiert. Der Ehrenplatz im Bücherschrank gebongt.

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3 Gedanken zu “Das Letzte seiner Art

  1. Und wieder taucht man an Ihrer Seite in die eigene Geschichte ein. Allein das famose Wörtchen „verkaupelt“! Ewig nicht mehr gelesen, geschweige denn gehört. Und der stets angefügte Ominkelsche Beisatz: „…wenn der Frieden hält.“ Ahnungslos belächelt von uns Kindern, ja, warum soller denn nicht halten…
    Danke für diese Geschichte, sehr gerne gelesen und herzliche Montagsgrüße, Ihre Frau Knobloch, überlegend was sie als nächstes verkaupeln könnte.

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  2. Ach … Bludgeon — müssen Sie denn ständig mit jenen Kindheitserinnerungen aufwarten, die dann bei mir wie kleine Blitze in mein Kleinhirn einschlagen und Erinnerungen der ähnlichen Art wecken.

    Ich hatte damals so einen Satz Elastolin Indianer- und Cowboy Figuren und diese Figuren muss ich heute noch haben (die Frage ist bloß wo ???); sie lagern in einem alten Zigarrenkistchen und wenn ich sie finde, da stelle ich sie mal in meinen blog. Das dazu passende Fort habe ich wohl nicht mehr *seufz*.

    Und wieder mal habe ich mich erfreut an Ihren so lebendigen und so facettenreichen Erinnerungen … ein herzliches Dankeschön dafür !

    Gefällt 1 Person

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