Blauvogel

Fortsetzung von „Großmutter“, „Troll-der Bär“ und „Söhne der Großen Bärin“.

“Down the ancient corridors
Through the gates of time
Run the ghosts of days that we left behind.”
(Ghosts – Dan Fogelberg)

Aller Anfang waren 2 alte Fotoalben. Ein grünes und ein graues. Großmutter hatte sie gerettet.
Damals „als (sie) von zu Hause wegmussten“.
Sie stellten für die vielen Plünderer unterwegs keinen Wert dar und somit konnte sie sie durch alle Scheußlichkeiten des Jahres 45 bewahren. Die Alben wurden ihm von ihr zum ersten Mal gezeigt, als er 6 war. Sie enthielten die Kindheit seines Vaters. Kleine fast quadratische gelbstichige Fotos von einem kleinen blonden Jungen, der auf den ersten Fotos auch etwa 6 ist. Bam! Das hinterließ bei ihm großen Eindruck!

Da war ein Haus: 1937 erst nach Um- und Ausbau in dieser Form bezogen; Fleischerei mit Gaststube;  und 1945 unzerstört verloren.
Da war ein Garten – größer als der von Connie!
Und in dem Garten ein Pferd: Der sagenumwobene Bubi, von dem Vater in einem Atemzug mit Swallow, Iltschi und Rih, den Wunderpferden der Karl-May-Romane, schwärmte.

Aber ganz am Anfang des ersten Albums auf der ersten Seite steckte ein großes Hochzeitsfoto. Und die Braut sah wun!der!bar! aus!
„Wer sindn die?“
„Das bin ich und dein Großvater, den du nicht mehr erlebt hast.“
„Waaaas?! DAS bist DU?!“
Die kleine krumme Gestalt mit Nackendutt und dem runzlige Gesicht in Einklang zu bringen mit dieser stolz aufgerichteten Erscheinung neben dem schmächtigen Bräutigam gelang ihm nicht.
Sie verstand seinen rätselnden Blick ganz richtig:
„Tja so getts emm halt, wemmor ald wird. Do bleibt nischt übrich.
Haste mich trotzdem ä bissl lieb, ouch wennich jetze ausseh wierane ahle Brockenhexe?“
Selbstverständlich! Der Zweifel war gespielt, das wussten beide ohne Worte.

„Und hier is dei Vati so alt wie du und da sisstes! Guck og hie: Da frisstor grade die Schoklade, die er gar neh sollt habm. DER war ä Lausebengel! Was habbich dem musst für Ohrfeigng gehm… Genutzt hatts nüscht.“
Er bekam an diesem Nachmittag eine Grundvorstellung von dem, was bei Familientreffen mit Oma und Opa immer als „die alte Heimat“ oder als „Zuhause“ bezeichnet worden war.

Wo gehen wir hin?
Wo kommen wir her?
Was ist der Sinn?
Ist da noch mehr?
Gibt’s da’n Tunnel?
Ist da ein Licht?
Ey Mann, was fragste mich?
Ich weiß es nicht!
(„Geboren“ fanta 4)

Schon früher beim Stadt-Land-Fluss spielen, gewann er meistens, weil er – ohne gereist zu sein – so viele Ortsnamen wusste, die von den anderen nie verwendet wurden: Deutsch-Gabel, Böhmisch-Leipa, Leitmeritz, Friedland, Gablonz, Jungbunzlau, Reichenberg, Komotau, Saatz, Laden, Postrum, Eger …
Ganz unbemerkt hatte sich da ein Gedankenkeim bei ihm eingenistet. Ein schlummernder Dauerbrenner: Heimatverlust.

Erst jetzt beim Bloggen wird mir der rote Faden bewusst, der sich auch durch meinen Lesestoff zieht. Viel gelesen – viel vergessen. Was in Erinnerung blieb, sind vor allem jene Handlungen, wo es ums „wegmüssen“ und „wiederkommen“ bzw. „anderswo heimisch werden (müssen)“ oder „nicht heimisch werden können“ geht.

Uti/Sat Okh im „Land der Salzfelsen“;
Harka/Toka-ihto in den „Söhnen der großen Bärin“ …
später Freytags „Ahnen“, zwischen Thüringen und Westpreußen in der deutschen Geschichte hin und her geworfen;
die Ostgoten Felix Dahns in einem Land, das ihnen Heimat sein soll, aber nicht wird;
usw. usf.

Und zwischen drin in dieser Leseliste zum Thema: „Was ist Heimat?“ befindet sich meine dritte Indianerbibel: „Blauvogel“. Geschrieben 1951 von Anna Jürgen. Gelesen um 1970 herum. Verfilmt 1979. Gesehen 1980, während der Armeezeit – weit weg von zu Haus. Einziger DEFA-Indianerfilm ohne Gojko Mitic!

George ist 9 Jahre alt, wird von der Familie aber bereits wie ein Erwachsener behandelt. Das wünscht sich logischerweise jeder Gernegroß-Leser ebenfalls. Die einzelnen Erlebnisse, die dann folgen, jedoch nicht! Sie gruseln. Man weiß sofort: Das hättest du niemals ausgehalten! Die eigenen Probleme werden klein.
Er lebte nämlich in einer sehr gefährlichen Ecke von Nordamerika, an der Irokesengrenze in Pennsylvania um 1750 herum. Lederstrumpfzeit also. Und er wird gezwungen Indianer zu werden.
Eines Tages wird er entführt und weit hinein ins Waldland verschleppt. Er soll einen verstorbenen Häuptlingssohn ersetzen. Seine Anwesenheit soll die Depression seiner Stiefmutter heilen. Der Plan misslingt. Er kommt nicht klar unter den gleichaltrigen Irokesen; wird getriezt und ausgelacht, will fliehen. Aber er weiß gar nicht, wo er ist und wie weit es bis nach Hause wäre.

Eines Tages macht er sich trotzdem auf – kommt aber nicht zu Hause an.
Erschöpft bricht er irgendwo im Waldland zusammen und denkt, das war’s.
Das kleine Mädchen, das im Dorf die einzige war, die ein paar Brocken englisch konnte, findet ihn gemeinsam mit ihrem Vater. Die beiden sind auf dem Wege zu einem anderen Indianerdorf und nehmen „Blauvogel“, wie George wegen seiner blauen Augen genannt wird, mit. Nun erlebt er seine 3. Familie und bei diesen Leuten klappt es mit der Anpassung.

Die große Weltpolitik jedoch zerstört ein paar Jahre später die Jugendzeitidylle. Die Engländer haben eine für George schwerwiegende Klausel in einen der vielen Friedensverträge geschrieben: Wenn die Irokesen in Ruhe gelassen werden wollen, dann müssen sie alle Weißen, die bei ihnen leben, herausgeben! Andernfalls droht eine Strafexpedition! So kommt Blauvogel ca. 16jährig und in Irokesen-Outfit zu seiner Grenzerfamilie zurück.
So viele Schwierigkeiten, so viele bewältigte Hürden beim Kampf um Anerkennung unter den Indianern – und nun? Alles umsonst? Von nun an wieder Bäume fällen, Palisaden bauen? Indianerüberfälle abwehren? Skalpjäger werden und Indianerinnen erschießen, die deine Stiefmutter hätten sein können?
Blauvogel merkt schnell, dass das hier nicht mehr seine Heimat ist und es auch nie wieder werden kann.
Er nimmt keinen Abschied von den Leuten, die ihn wie einen Exoten begaffen und kommandieren wollen. Die sollen seine Familie sein?

Er geht einfach.
Zurück.
Zu den Irokesen.
Nach Hause.

Wo ist Zuhause, Mama
Hinter blauen Bergen
Wo ist Zuhause, Papa
Vielleicht hinter diesen Bergen
Doch die Berge sind hoch, ich suche den Weg
Wer führt mich ans Ziel und wer kennt den Steg
Vielleicht find ich dich, find ich mein Zuhaus
Hinter blauen Bergen

(Aus „Wo ist zu Hause, Mama?“ Johnny Cash)

5 Gedanken zu “Blauvogel

  1. Ich liebe es, den Dialekt zu lesen, ähnliches klang in Ominkels Sprache durch. Niederschlesisch mit Einschlag der Lausitz, bis Sachsen geflüchtet und retour. Sorbenblut muß auch bei der Knoblochsippe drin sein, man müßte vielleicht doch mal forschen. Die Wurzeln scheinen einen zu zwicken, je mehr man sich selbst dem Alter nähert, da Erinnerungen immer wichtiger erscheinen.
    Danke, daß sie die Ihren mit uns teilen, es ist stets ein Lesevergnügen. Hugh, herzlichst, Ihre Diemitdemotanzt.

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Sechsjähriges | toka-ihto-tales

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