Oldtimer III

Geschichten aus dem Kalten Krieg

Kurz vor meiner Jugendweihe 1975 erhielt ich einen letzten Schwung Matchbox-Superfast-Autos. Papa hatte sie den Westpaketen seiner „abgehauenen“ Schulkameraden entnommen und einige wohl zulange zurückgehalten. Nun wollte er sie noch schnell an die eigentliche Zielgruppe bringen bevor deren „Kindheit endet“: Durchgeknallte Hotrods, Dragsters und Limousinen, die alle wie rollende Siegertreppchen wirkten. Die einzige Alternative waren schmallippige Flundergesichtige Geschwister des Porsche.
Etwas hatte sich verändert. Die Anziehungskraft war dahin.

Slade, Sweet, Chuppy Tiger, Alvin Stardust waren wichtiger als Chevrolet, Opel & Co.
Die würde man eh nie in echt besitzen. Der Trabbi würde früher oder später das unausweichliche Schicksal sein.

Aber man konnte Westautos nicht entgehen. 1975 lag 3 Jahre nach dem Grundlagenvertrag und VW und Opel wucherten plötzlich in unserem Wohnviertel derart aus, dass man zu Ostern und Pfingsten glauben konnte, wir wären schon Westen!
Der Konfi- und Jugendweihezeitraum brachte es mit sich, dass eine westdeutsche Blechlawine nachschauen kam, wie es den Brüdern und Schwestern unterm Sowjetjoch so ergangen war. Und manche der Besucher staunten nicht schlecht, dass auch östlich der Mittelgebirge das Essen mit Messer und Gabel und die Benutzung von Badewanne und Wasserklo durchaus als Trend gelten konnten. Auch wirkte so mancher Ostverwandte gar nicht wie eben erst dem GULAG entsprungen, sondern wohlbeleibt. Zahlreiche Konfirmationsgeschenke a la Handtücher, Maniküre-Set, Braun-Rasierer erzeugten daher eher Enttäuschung denn Begeisterung. Eine Gary Glitter-LP oder ein 6er Pack 90er BASF-Kassetten – DAS wär’s gewesen!

Eigenartige Gespräche führten wir damals auf den Schulhöfen in Honeckerien:

„Mei Onkel war im Golf da! Und voll die Gladbachfahne drinne!“
„Mei Opa is’ mit’m Mercedes jekomm. Der hatte 4 Boxen im Auto verteilt!!!! Ein Sound sachichdior! Wahnsinn!“
„Was hörtn dei Opa so?“
„Sämtliche Militärmärsche.“
Brüllendes Gelächter.
„Voll das Erlebnis, was?!“

„Meim Onkel hammse an der Grenze den HSV-Wimpel beschlagnahmt. Voll Scheiße! Der sollte für mich sein.“
„Klar: Drei Buchstahm droff. Druckerzeugnisse einschmuggeln is nich’. Kannch och a Lied von sing: Meine Westsippe is so bekloppt, die nehm sogar die Fußballbilder aus der Sprengel-Schoklahde. Die glohm, die nehmse glei hops an dor Grenze; wächen Zollvergähn. Hehre off!“
„Meine hams jepackt. Ne Gladbach-Sofadecke fürs Wohnzimmer, zweh Garl May Biechor. Is alles jutjejang.“

Soweit so unterhaltsam aus heutiger Sicht. Aber es gab da noch eine Begleiterscheinung, die mir zu schaffen machte: Die Gafferei in parkende Westwagen hinein.

„Oahr! N Opel in Metallic-Blau!“
„Gugge ma, da liecht ne Chris Roberts Kassette drinne.“
„ Echte Jeans-Jacke seh ich da.“

Immerzu stehen bleiben müssen und warten, während sich deine Begleiter an den Wagenscheiben die Nasen platt drücken, DAS NERVT! Und oben im Haus hinter der Gardine genießt vielleicht gerade Prinz Protz aus Gelsenkirchen seinen zivilisatorischen Einfluss in Deutsch-Ost!

Einmal kam sogar so ein Andreas Baader Verschnitt gerade aus dem Haus: Mähne, Cordanzug, Cloggs und Sonnenbrille und pranzte gleich los: „Ford Capri. 90 PS, 160 Spitze. Da kommt der Trabbi nich’ mit.“ Anerkennendes Nicken meiner Begleiter.
„Arschloch.“, dachte ich.

Manche verloren jedes bisschen Selbstachtung, wenn der große weiße Massa aus Kassel City einritt! Mein Vater nicht. Er erlebte diese Besuche in den Wohnküchen der Bauern, wo sie über alles moserten und auch ihn bedachten: „Der Tierarzt sind Sie? Bei uns würde der im Daimler vorfahren.“
„Na, da bin ich aber froh, dass es bei dir nur zum Opel gereicht hat! Is das da Rost an der Zierstange?“
Zuhause machte er sich dann deftig Luft über erlebte Westarroganz, ganz so wie ein Jahr zuvor, im Rumänienurlaub, als sich 2 westdeutsche Pärchen außerhalb des Neckermannbereiches verlaufen hatten und in ein Restaurant gerieten, voll besetzt mit ostdeutschen Touristen.
„2 Bier, 2 Rotwein fix-fix!“ erging der koloniale Auftrag an die einzige Kellnerin aus dem Balkan-Busch.
„Nix fix fix! Du warten!“ kam prompt ihr Kontre und zustimmendes lautes Murmeln von einigen Tischen.
Laut und vernehmlich kam nur ein Kommentar der Bedienung zu Hilfe: „Das sinde Richtchen! Es ganze Jahr im Ruhrpott Margarine fressen, damit se einmal im Jahr aufm Balkan Lord Kacke spieln könn’!“
Yo. Das war Papa! Mutters peinlich berührtes Zischeln wurde von einem scharfen „Sehr richtig!“ vom Nachbartisch übertönt. Die 4 registrierten die Übermacht und beschlossen flugs ihre Freiheit anderswo zu feiern.
Man, war ich stolz auf meinen Vater!

Auch deshalb meine Gaffer-Allergie.

Aber eines Tages wäre es fast auch um mich geschehen gewesen, denn da stand ER:
Die Ausnahme unter all den Gleichen. Amerikanische Nase, europäische Ausmaße. Lange Schnauze, kurzer Hintern. Hellbraun-metallic mit Velourdach.
Ich beherrschte mich und ging nicht glotzen. Im Vorbeigehen registrierte ich am Heck: FORD Taunus. Wenig später sah ich einen in Blau, aber ohne die markante Nase. Wie konnte das sein? Als ich am ersten Standort vergleichen wollte, war der Braune bereits weg. Ich verbuchte die flüchtige Wahrnehmung als unwichtig und vergaß sie.
Jahrzehnte später lernte ich, was ein Knudsen-Taunus ist; wie viel Ärger jener Mr. Knudsen mit seinem Entwurf bekam und ich stellte fest, dass ich ihn immer noch anziehend finde. In Paaren Glien 2015 stand wieder einer. Abseits und allein. Aber so konnte er wirken! Und die alten Geschichten waren alle wieder da…

Taunus

PS: Nicht die Himmelsrichtung der Herkunft verdirbt den Menschen, sondern monetäre Möglichkeiten, bzw. der Kompensationsdrang nach aufgestauter beruflicher Erniedrigung. Heute benehmen sich auch Ostdeutsche „westdeutsch“ in aller Herren Länder. Sie lernten schnell. Allzuschnell. Lehrbeispiele liefen in den 90ern reichlich in Neufünfland herum. Soweit sie nicht Staatssekretäre in den Landesregierungen wurden, sind sie jedoch weitgehend wieder verschwunden.

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17 Gedanken zu “Oldtimer III

  1. Ich bin gespalten. Einerseits finde ich Ihre Erinnerungen interessant und auch wichtig, dass sie dokumentiert werden. Andererseits nervt mich der Underdogton (obwohl ich ihn nachvollziehen kann). Für mich ist klar, dass die Protagonisten austauschbar wären. Dieselben Menschen in umgekehrten Rollen ergäben dieselben Geschichten. Zufall. So sind die Deutschen. Und vielleicht sind so die
    Menschen.
    Das soll aber nicht Ihren Text schmälern.
    Freundliche Grüße
    von Ihrer Leserin mit westdeutscher Ahnungslosigkeit

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    • „Dieselben Menschen in umgekehrten Rollen…. – genauso isses.
      „Menschheit – du hattest von anfang an nicht das Zeug dazu…“
      Mein Lieblingszitat von Charles Bukowski. Auch ein unterhaltsamer Underdog.

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  2. Wenn zwei Leute am Tisch sitzen und zwischen ihnen steht eine Teekanne.
    Behauptet der eine, der Henkel sei links. Nö, sagt der andere, der Henkel ist eindeutig rechts…
    In diesem Sinne.
    Anno lange her im 1987er Jahr erhielt ich eine Einladung in die untergegangene Republik. Knapp hinter die Grenze ins stockkatholische Eichsfeld.
    Um nicht aufzufallen, schieden bestimmte Fahrzeuge von vorn herein aus.
    Also nahm ich die Familienkutsche. Volvo 760er Kombi.
    Ich war nur vier oder fünf Tage dort im Anderland. Es hat mir jedoch hinsichtlich des zur Rede stehenden Themas mehr als gereicht.
    Vom erschreckten Wegschauen bis hin zu undistanzierten Aufdringlichkeiten wurde die ganze Klaviatur gespielt.
    Ein geistiger (nicht intellektueller!) Grand Canon zwischen mir und dem Publikum, das ich mir dabei ganz weit weg gewünscht hatte.
    An diesem und anderen Beispielen richtete ich meinen Trennungsmesser aus…

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      • Nö, eher nicht.
        Ich bin mal angetreten dafür, dass die Mauern in den Köpfen verschwinden.
        Mein Beitrag zu diesen speziellen Erlebnissen wären Schweissgeräte, Beton und Allesschnellkleber für die verbohrten, kopflosen Vorurteilshandwerker…
        (Beim Bier im kleinsten Rahmen könnte ich da schon was zum Besten geben…)

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      • Immer bereit!

        Erwarte Terminvorschlag per mail.

        Es gab zu Ostzeiten genau 2 Gegenden, in die man nicht versetzt werden wollte; bzw. wo sich nur absolute Sonderlinge und Halbautisten hin bewarben: Vorpommern und Eichsfeld.

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      • Diese beiden Gegenden als Wohnorte für Spezialisten sind mir neu. Ich hätte eher andere vermutet. So um Halle oder Frankfurt /O. herum.
        Wieder was gelernt, bzw. warum gerade diese Gegenden für Sonderlinge oder Halbautisten?

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  3. Also Ihre/Deine „Arschloch“ Reaktion auf diesen “ „Ford Capri. 90 PS, 160 Spitze“ Besitzer kann ich mehr als gut verstehen … Das war auch die aus meiner Sicht einzig richtige Reaktion …

    Und den Satz „Nicht die Himmelsrichtung der Herkunft verdirbt den Menschen, sondern monetäre Möglichkeiten, bzw. der Kompensationsdrang nach aufgestauter beruflicher Erniedrigung,“ unterschreibe ich vorbehaltslos …

    Von daher ist dieser für mich sehr wertvolle Beitrag auch so ein Hinweis, immer wieder darauf zu achten … achtsam im Umgang mit Menschen zu sein … und das gelingt mir leider nicht immer.

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  4. Ein Opel mit Chris Roberts Kassette, muahaha. Voll peinlich. Bei meinem ersten und einzigen Besuch der DDR drückten sich die Kids in Schwerin und Umgebung auch laufend die Nase platt an meiner Karre. Opel Manta GT/E, 110 PS, 190 Spitze, da kam der Capri nicht mit *fg*
    Heute würde ich mit nem Manta nirgendwohin mehr fahren. Voll peinlich, auch ohne Chris Roberts. So ändern sich die Zeiten.

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    • Hö Hö, nix gegen Opel – – unkaputtbar.
      Meinen Kadett A, den mit dem Riegel vom Hasenstall als Türschloss werde ich nie vergessen.
      Boden mit Beton ausgegossen. Beim TÜV sagte der Prüfer nach der Hämmerchenprobe: das Geräusch kommt mir irgendwoher bekannt vor…“
      Beim nächsten TÜV war d die Trennung absehbar und ich wollte den Motor töten. Selbst mit Wasser&Sand statt Öl lief er zwar ruckelnd aber dennoch klaglos weiter.
      Die Ruhrgebietsprolls haben den Ruf des Opel kaputt gemacht.

      Das musste jetzt deutlich gesagt werden! *ggg*

      (PS: von meinem Admiral A 2800 HS hätte ich da auch Anekdoten)

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  5. Pingback: Matchbox Katalog (1966) | Allerlei Buntes aus Deutschland

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