Oldtimer II

This Car is Rock&Roll
invites you to a Saxon stroll
a little beer’s no alcohol
rockin’ up and free your soul…

Mit dem DKW F8 geht’s mir wie mit Gründerzeitmobiliar: DAS ISSES einfach!

Papa wechselte Anfang der 60er von der Schlachthof Fleischbeschau in die staatliche Gemeinschaftspraxis der Tierärzte. Die stellten Dienstwagen. Er bekam einen F 9 und fuhr über die Dörfer. Immer, wenn der Wagen in die Werkstatt musste, war er mehrere Tage weg. Die Teile, die Teile! Planwirtschaft, you know? Für diese Fälle hatte die Praxis „Springerfahrzeuge“. Einen Moskwitsch 407 in weiß und dunkelgrün, der einem Opel Kadett der frühen 60er glich, einen Wartburg Pickup, genannt „Lumumba“ in beige; der, weil er als Entwicklungshilfe angeblich massenweise nach Afrika exportiert wurde, schon in seiner aktuellen Zeit extrem selten blieb und einen F8 in klassischem schwarz-braun.

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Papa war froh, wenn er den „Lumumba“ bekam. Da kamen seine Jugendideale besonders heftig durch. Die Dorfstraßen waren schlecht, die Plane knatterte im Fahrtwind, und die Wagenfarbe hätte nicht besser passen können – er war Rommel.

Ich jedoch hoffte immer auf den F8, wenn wieder mal „Werkstatt“ angesagt war, denn so ab und an musste ich mit „auf Praxis“ fahren.

Alles an dem war alt und gediegen. Mein Bodenkammerschatzsucher-und-Bewahrer-Gen bekam in diesem Auto neue Kicks. Gab es nicht in irgendeiner Polsterritze noch einen Bleisoldaten oder eine alte Münze zu finden? Hatte er nicht sogar noch Winker an der B-Säule statt Blinklichtern? Jedenfalls gingen die Türen „verkehrt rum“ auf und im Armaturenbrett steckte ein Pistolengriff aus weißem Elfenbein. Glaubte ich jedenfalls einige Zeit. Vater erklärte zwar einige Male, das sei der Schalthebel, mit dem man irgendwelche Gänge einlegen müsse, vorausgesetzt man hat die Kupplung getreten und richtiges Gas-Gefühl …blabla….ich war 4 oder 5 Jahre alt! Für mich blieb’s ne fest gezauberte Pistole! Basta!

Wenn Vati gute Laune hatte, erzählte er auf diesen Fahrten Karl May Geschichten. Das war spannend!

(Bis auf diesen Medizinmann der Klecki Petra hieß! So was Blödes! So hießen 2 Mädels meiner Kindergartengruppe. Beim Essen kleckerten die schon auch, aber die hatten so gar nichts Indianisches an sich! Und dann noch als Mann! Da musste Vati was verwechseln!)

Wenn nicht, saß ich  schweigend neben Utz, dem Foxterrier, der dann meist beleidigt nach hinten über die Lehne hing, weil er nicht einsah, dass da wieder einmal der andere Welpe mit von der Partie sein musste. Ich träumte mich in Verfolgungsjagden hinein, bei denen ich die Elfenbein-Pistole ziehen und durchs Heckfenster schießen würde…

Ich bin Kara Ben Nemsi! Der Typ mit dem Vollbart, der trifft ohne zu zielen!

Irgendwann hatten F9, „Lumumba“ und F8 das Zeitliche gesegnet und rollten ein ins Fahrzeugjenseits – auf die ewige Autobahn im Himmel.

Zu Anfang der 70er Jahre wurden weltweit alle Autodesigner erschossen. Vater bekam einen Moskwitsch 408. In diesem jämmerlich eckigen 70er Jahre Look. Die Springerfahrzeuge waren auch welche. Wie langweilig!

Auch die einzelnen Bauernhöfe waren Milchviehanlagen und Hühner-KZs gewichen. Die Landidylle schwand. Nicht ganz, aber was die Tierhaltung betraf – überwiegend.

Da begann die ARD eines sonntags mit der Ausstrahlung von „Der Doktor und das liebe Vieh“. Und da waren sie wieder: Die schrulligen Bauern. Kleine, mehr oder weniger verdreckte Ställe. Die Wohnküchen, mit frisch geschlüpften Küken im Backofen und mit dem „Stück Wurst auf die Faust“ gleich aus der Küchentischschublade… Unwegsame Anfahrten, die Dr. Herriot (manchmal sogar mit Hund) im Austin bewältigte. Und der Austin hatte verblüffende Ähnlichkeiten mit – einem F8!

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13 Gedanken zu “Oldtimer II

  1. Man merkt, wie weit entfernt ich gross geworden bin. Natürlich sagen mir die erwähnten Automarken etwas, aber was?
    Ich musste mir erstmal Bilder anschauen, um eine Vorstellung zu bekommen..
    Und ein Wartburg 311/7 oder gar einen 311/2 würde ich trotz Rengdengdenggetakte gerne einmal fahren…

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      • Oops?! Gabs Nachkriegs-Horch(e) im Westen? Da war doch so ein Namens-Clash, dass der Name bei Sachsenring Zwickau blieb und 1990 von VW mitsamt dem Trabiwerk gekauft wurde. Dann der Zeitungswirbel: Kommt es zur Wiederbelebung der Marke? Und dann der Kartellamtsbeschluss: Nein!

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      • Die Firma Horch gabs lange. Wegen Meinungsverschiedenheiten schied August Horch 1910 aus und nannte seine neue Firma Audi (i.e. lat. horch!). Nach 1945 siedelte sich Audi in Ingolstadt an. Die Ingenieure, Werkzeuge und das Wissen waren jedoch in immer in Zwickau.
        Mithilfe von Schleusern und Schmugglern wurden die wichtigsten Materialien nach bayern verbracht.
        Worüber du schreibst, das geschah viel später.

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      • Ja soooo kenn‘ ich das auch: Audi startet im Westen und werkelt bis zur VW-Schluckung. (Dass Audi Horch bedeutet, hatte ich nicht auf dem Schirm als Nichtlateiner.) Horch als Marke ging aber 1945 unter. Der letzte Promi, der einen fuhr war Rommel.

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      • Im Westen startete die Auto-Union, also der alte Zusammenschluss von Audi, Horch, Wanderer und DKW.
        Da ist gerade im Hinblick auf das Kriegsende interessant, wie aus dem DKW Motorrädern die MZ in Zschopau geworden ist. Und die PKWs in der Trizone, genauer, im bayerischen Ingolstadt.
        Die Auto-Union war damals im mehrheitlichen Besitz des Grossaktionärs Freidrich Flick.
        Da gibts überhaupt etliche interessante Geschichten.
        Klar, die Russen haben die Eisenbahnschienen abmontiert und auch rollendes Material nach Osten gebracht. Das dient noch heute zur prima Legende für die Nachteile des Starts der Deutschen Republik, tja und dann noch dieser Sozialismus. Was soll draus werden wenn man sich selbst Knüppel zwischen die Bein haut, weisst du . . .
        Den wirklichen Rebbach damals aber haben westdeutsche Industrielle gemacht. Irgendwoher muss das Ausverkaufs No-Hau im jahre 1989 ff. ja gekommen sein, nicht wahr?

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      • Hejia! Beim Thema MZ fällt mir doch glatt diese Legende ein, dass die ES 250 irgendwelche internationalen Preise einheimsen konnte und deshalb den offiziellen zusätzlichen Namen „Trophy“ auf den Tank gepinselt bekam. Volksmund: „Drohfi“.

        Die Nachteile des kleineren Deutschland jedoch sind evident, würd‘ ich sagen.
        – Keine fetten Investitionskonten dank vorangegangener Zwangsarbeit, die man hätte aus der Schweiz holen können;
        – Führungspersonal- und Patentabwanderung gen Westen,
        – unerfahrene aber parteitreue Chefs mit reihenweise Fehlentscheidungen,
        – unrealistische Planvorgaben und –
        – überzogene politisierte Willkürbestrafungen für Nichterfüllung…
        Da ging schon einiges schief bis zum Mauerbau.

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  2. Klar, da ging vieles hausgemacht schief. Aber eben nicht alles. Und Konten im kapitalistischen Ausland hatten auch von Beginn an viele Leute, die die Möglichkeiten dazu hatten…
    Aber was solls – vorbei ist vorbei. Der Rest ist für die Historiker…

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