Unverzichtbar II

Heute mal eine Lanze für 5 alte Heroen des historischen Romans.
Bis 1945 hatten sie ein Dauerhoch, dann der Epochenbruch und die Abkehr der Masse von Geschichte im Allgemeinen.

Schuldzuweisungen der abstrusen Art: Die nationalistisch-tendenziöse historische Schreiberei sei präfaschistisch gewesen. Ist das so? Schrieben britsch-französische-amerikanische Autoren anders, wenn es um deren Geschichte ging?

Ich finde, wir schütten das Kind mit dem Bade aus.

Dabei wäre Einfühlungsvermögen in alten Zeitgeist doch gar nicht so unnütz.
Wie glaubten die Autoren des 19.Jh., tickten die Menschen im 12. oder 13. Jhd.? Natürlich deckt sich da die frühmittelalterliche Kaisertreue mit der wilhelminischen. Aber waren die Autoren von 1890 nicht näher dran an 1300 als wir heute? Die Denkweisen waren kompatibler. Der frisch industrialisierte Mensch war noch nicht postmodern. Zum Beispiel erführe man so auch, weshalb unaufgeklärte Gesellschaften sich nicht gleich in die Demokratie beamen, wenn sie mal einen alten Despoten davonjagen.
„Arabischer Frühling!“ Har-har-har! Das Chaos dort war doch erwartbar!

Historisch denken lernen, mit denen hier leicht gemacht:

Platz 5. Paul Schreckenbach (1866-1922), ein schreibender Pastor, der mit viel Lokalkolorit eine Reihe von mitteldeutschen Heimatromanen schrieb. „Die letzten Rudelsburger“ gelten vermutlich als bekanntestes Werk, falls ihn da draußen überhaupt noch jemand kennt. Sein „Markgraf Gero“, „Die von Wintzingerrode“ und „der König von Rothenburg“ haben aber die packendere Story. Mit den „Mühlhausener Schwarmgeistern“ griff er 1917 ein großes zeittypisches Thema auf, starb und hinterließ es unvollendet. Posthum fertig gestellt kam es 1924 doch noch auf den Markt und zeichnet ein sehr negatives Bild von Mühlhausen 1525 während der Thomas Münzer Zeit. Es lädt geradezu dazu ein, Revolutionen zu vergleichen. Vor 1989 in der Ehemaligen natürlich nicht beschaffbar, hab ich’s in den 90ern aufgetrieben und dank frischer Wendeerinnerungen amüsiert gelesen.

Platz 4. Johannes Renatus; in seiner Schreibe dem Schreckenbach sehr ähnlich, erschuf er 1890 den „Rudolf von Vargula“ Roman über den Schenk von Saaleck. Andere Werke von ihm kenne ich nicht. Der Vargula jedoch hinterließ nachhaltigen Eindruck. Da sitzt einer auf der kleineren Saaletalburg SAALECK um 1220 herum und starrt auf die größere – die RUDELSBURG, die er gern hätte. Zeitgleich wird er wiederholt an den Hof des Thüringischen Landgrafen auf die Wartburg beordert und erlebt dort den Untergang der heiligen Elisabeth mit, die mit 14 Jahren verheiratet wurde und so von Ungarn nach Thüringen kam. Das Buch korrespondiert regelrecht mit Schreckenbachs „Um die Wartburg“. Wer beide gelesen hat, zu dem sprechen von Stund an alle Klöster, Dome, Burgruinen in lebendigster Form. Du wirst nie wieder eine langweilige Führung haben, denn während der Guide dich mit nutzlosen Fakten erschlagen will, durchwandern deine Phantasie Elisabeth, ihr arger Beichtvater, ein tumber Landgraf und Rudolf von Vargula….

Platz 3. Ludwig Huna (1872-1945); über den schwieg sich das Internet bis vor kurzem noch komplett aus.
(Inzwischen gibt es ein paar spärliche Eckdaten seiner Laufbahn.) Mein 20er Jahre Reclam-Schriftstellerlexikon kennt ihn immerhin als aufstrebendes Nachwuchstalent. Jedoch sind dort noch nicht seine beiden Großwerke registriert. Eine Jesus-Trilogie, die im Wesentlichen das neue Testament als Roman zu erzählen versucht und eine Borgia-Trilogie, die den Hurenböcken auf dem Heiligen Stuhl um 1500 und Savonarola in Florenz ein Denkmal setzt.
Während der Jesus zeitgeistbedingt kaum veröffentlicht, schon vergessen war, blieben die Borgias sein Dauerbrenner.
Besonders den in sich abgeschlossenen ersten Band „Die Stiere von Rom“ halte ich für den lesenswertesten Roman über die italienische Renaissance.
Zahlreiche kleine Romane erweitern das Angebot und schwanken zwischen unlesbar langweilig und hölzern („Wieland der Schmied“/“Walter von der Vogelweide“) und packend, begeisternd („Wolf im Purpur“/ „Die Hackenberg“)
Der „Wolf im Purpur“ handelt von einem Salzburger Bischof des Mittelalters, der daran scheitert, sein eigens dauerhaft autarkes Ländle zu gründen.
„Die Hackenberg“ wirken wie bei Gustav Freytags „Nest der Zaunkönige“ abgeschrieben, na – sagen wir anverwandelt. Es geht um den Widerstreit zwischen weltlichem niederen Adel und Klerus, sowie ums Überleben der Reste alter heidnischer Traditionen im Mittelalter: Klar – Wotanrenaissance war NS-kompatibel. Der Autor scheint sich anzubiedern. Aber zeigt nicht die Tatsache, auf welche Art und Weise das heidnische Nibelungenlied ausgerechnet in einem Kloster die Zeiten überdauern konnte, dass auch das, was die Hackenbergs ereilt durchaus um 1500 – wie beschrieben – möglich war?

Platz 2. Gustav Freytag (1816-1895), ursprünglich wegen seines Hauptwerkes „Soll und Haben“ und wegen seines Dramenschemas quasi als Goethe II. verehrt, hinterließ mit seinem Zweitwerk „Die Ahnen“ das eigentliche Monument für die Nachwelt. An „Soll und Haben“ spürt man das große Bemühen einen Gesellschaftsroman für die Ewigkeit erzeugen zu wollen. Jedoch mutet vieles darinnen heute verstaubt an. Viel zu brav und bieder handeln fast alle Protagonisten. In den „Ahnen“ ist das anders. Wie der Titel bereits suggeriert, wird eine Familie vom Teutoburger Wald bis in die Restauration nach Napoleon verfolgt.
Hier fällt erstaunlich viel Unangepasstheit auf. Heldenhafte Sich-Selbst-Durchsetzer, den Zeitgeist verkennende auf das falsche Pferdsetzer wechseln mit romantischen Träumern, deren einziges Verdienst es ist, Nachwuchs erzeugt zu haben, damit die Familie weiterlebt…
Wenn man in Amerika Alex Haleys „Roots“ verfilmen konnte, warum dann nicht in Deutschland Gustav Freytags „Ahnen“?

Platz 1 unangefochten: Felix Dahn! (1834-1912) Vermutlich bin ich sein letzter noch lebender Fan. Arno Schmidt machte sich mehrfach über ihn lustig. Schmidt mag ich auch sehr. Ein Widerspruch eigentlich. Aber egal. germania0003
Dahn starb 1912 wie Karl May. Er hatte dasselbe Pech. Hitler mochte Karl May. Die NAPOLA machte Dahns „Kampf um Rom“ zur Pflichtliteratur. Seine Fans kann man sich nicht aussuchen.
Das Buch ist trotzdem toll, in wilhelminischem Zeitgeist geschrieben, inszeniert wie eine Wagneroper, aber nicht faschistisch, beschreibt es den Untergang der Ost-Goten in Italien im 6. Jahrhundert.
Nach 1945 wurde es als Jugendbuch in Westdeutschland wiederaufgelegt und in den 60er Jahren in einer hanebüchenen Superschlechtversion verfilmt.
Dahn; Künstlerkind, Einzelgänger, Geschichtsprofessor und Germanenkenner schrieb wie am Fließband für Wissenschaft und Belletristik. Auf „25 Bände poetischen Inhalts“ brachte es seine schöngeistige Gesamtausgabe von 1905.
Das Panorama der Völkerwanderungszeit zwischen 4. und 10. Jahrhundert feiert hier dramatische Urständ in 20 Bänden. Die restlichen 5 sind Versdichtungen, Gedichte, Sagennacherzählungen.

Diese 5 Herren sind aus meiner Sicht dem Pseudohistorismus der Päpstinnen, Medicusse, Wanderhuren haushoch überlegen.

(Ernstnehmbare historische Romane, die nach 1945 entstanden, demnächst hier.)

Free the nuggets from the past!

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4 Gedanken zu “Unverzichtbar II

  1. Du schaffst mich – bist du in den Arnos versackt und wirst jetzt auch zum Ausgräber?
    Ich gehe davon aus, dass du die angezeigten Bücher gelesen hast und frage mich nun, warum du nicht stattdessen die Historiker gelesen hast, die jene lang vergangenen Zeiten ebenso bildmächtig vor dir auferstehen lassen.

    Da dir aber die historischen näher zu sein scheinen, und um Arno die ihm zustehende Ehre widerfahren zu lassen, empfehle ich dir: Heinrich Oppermann – Hundert Jahre.
    Besser und spannender kenne ich die Sattelzeit nicht erzählt.

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    • Selbstverfreilich hab ich die Schwarten auch gelesen. Den „Vargula“, den „Kampf um Rom“ und den „Markgraf Gero“ sogar 2x.
      Historiker sind mir schon auch untergekommen. Aber richtig unterhaltsam war von denen nur ein gewisser Herm(1990) „Freiheit die ich meine“ (oder: wie erklärt man einem Ami auf Familienforschungstrip die Verworrenheit Deutscher Geschichte). Das ist ein sehr unterhaltsames Werk im Plauderton bei trotzdem richtiger Faktenlage.
      Ich finde in sonstigen Bücher-Blogs für mich so gut wie nichts Interessantes, da hab ich mir mal dieses Selbstgespräch geleistet über Bücher, über deren Verfasser und Entstehungsgeschichte ich gern mehr erfahren würde.

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      • Klar, wenn dir die Fabel wichtig ist… Dann wäre der Oppermann was für dich, denn die meisten Personen und ihre Schicksale sind erfunden, die äusseren historischen Daten und Fakten sind jedoch nachprüfbar.
        Das meiste Literaturneuzeug, von dem ich in Blogs lese, geht mir auch nicht ans Herz und schon garnicht… Zuviel richtige Bücher gelesen.

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  2. Pingback: Die Nylle & der Kamerad | toka-ihto-tales

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