In Hedi’s Room

(Fortsetzung von „Großmutter“ und „Eine von uns“)

Tante Hedwig war die Schwester von Connies Opa. Der wiederum war der Haupterbe des Immobilienimperiums seines Vaters in der Heimatstadt des kleinen Dakota.
Dem Sohn war nicht vergönnt, zu halten, was der Vater schuf. Kriegsanleihe, Inflation, Weltwirtschaftskrise. Haus für Haus wurde verkauft, dann noch mal Kriegsanleihe und Sozialismus: Die letzten Häuser bekam die KWV. Geblieben war das Papiergeschäft in der Nähe des alten Stadttores. Die Keimzelle des kaiserzeitlichen Reichtums des Erbauers von Pensionopolis, wie die Stadt seit 1900 vermehrt bezeichnet wurde: Villen für Offiziere im Ruhestand.

Tante Hedwigs Familie besaß 1901 das erste Automobil der Stadt. Der Papa ging einst mit Generälen auf die Jagd. Der Sohn besaß am Lebensabend um 1970 noch ganze zwei Häuser und seine Schwester ganze 2 Zimmer in dem einen davon. Es war ein Bürger-Palais von 1910, konzipiert als 1-Familien-Villa mit mondänem Treppenhaus. Allerdings hatten die schwierigen Zeiten des 20. Jahrhunderts dazu geführt, dass eben jenem Vestibül mehrere Sperrholzwände eingepflanzt worden waren, um Abgrenzungen für aufzunehmende Mietparteien zu schaffen.
Eine davon war das nette, alte Fräulein Bollwitz.
Tante Hedwig war in etwa im gleichen Alter – aber war sie „eine von uns“?

Sie war eher die griesgrämige verschmähte Tochter aus reichem Hause, die mit der Welt haderte über all den Untergang um sie herum.
Die Nichte hatte einen Proleten geheiratet. Der hatte abgelehnt, den Häuserbestand durch den Sozialismus zu manövrieren, und „die Kästen“ des angesehenen, aber überholungsbedürftigen Bürgergartenviertels lieber der KWV überlassen. Und nun wohnten da lauter „Hergelaufene“ und „Umsiedler“, wie auch die Familie des kleinen Bludgy.
Das verzieh sie ihm nie.
Sie mühte sich, seine Tochter Connie ins Gebet zu nehmen und in ihr das Interesse an all der vergangenen Herrlichkeit zu wecken. Connie aber juckte die eigene Familiengeschichte nicht die Bohne.

Während Frau Bollwitz nur ihren „Hacken-Porsche“ über die Treppe bugsiert haben wollte und allzeit fröhlich vom Dakotastamm Udo, Bludgy und Connie gegrüßt wurde, wichen die Krieger Tante Hedi lieber aus: Wer weiß schon, wie sie heute drauf ist…

Der Garten des Anwesens war riesig, enthielt einen mysteriösen langen Schuppen voller vermeintlicher Schätze und gruseliger Wildkatzenverstecke, allzeit verschlossen und deshalb anziehend wie nur was, Apfelbäume, Knallerbsenbuschanei und Rasen, Rasen, Rasen.

Letzterer war das Problem. Er war die Dakota-Prärie. Aber er war auch Tante Hedis Schatz. Er sollte möglichst lange grün vor sich hin wuchern, um dann – per Sense gemäht – als Karnickelfutter verkauft zu werden. Das Renten-Zubrot der gefallenen Immobilienprincess.
Alle paar Tage, mitten in der Schlacht, flog also das Küchenfenster auf und Tante Hedwig schrie: „Runter von meinem Gras! Ihr Bakaluden! Das wird morgen gemäht!“
Hinter ihr kniff Connies Mutter leicht die Augen zu und schüttelte den Kopf: Nehmt sie nicht für voll. Die meint das nicht so.
Je nach Tonhöhe hatten die Dakota im Gespür: 5 Minuten Kriegspalaver auf dem Gartenweg, bis das Küchenfenster wieder zu war und dann weiter spielen oder Ortswechsel: Rollerfahren „ums Viereck“ (der umliegenden Häuser) oder Flucht in Bludgy’s Sandkiste nebenan? Aber dort war der Garten kleiner und zwischen den Mietern aufgeteilt: Vorsicht Beet!
Zu Udo konnte man so oder so nicht: Sein Opa war ein Monster!

Tante Hedi konnte anfallweise aber auch anders: „Kommt mal rein, ich hab gebacken!“
Hui! Man wusste nie, was als nächstes kommt!
Wenn sie Harmoniebedarf hatte, konnte sie dem Trio beim Futtern zugucken und sich über ihren Backerfolg freuen. Andererseits konnte sie Bludgy oder Udo, die beiden „Hergelaufenen“ aber auch gleich wieder anranzen, wenn die zu zögerlich kosteten:
„Mein Kuchen steht den Herren wohl nicht an?! Gibt’s zu Hause etwa was Besseres?“
Hauten die beiden richtig rein, nützte das auch nichts:
„Bei euch gab’s wohl nüscht zu essen? Schluss jetzt! Da muss noch was für morgen bleiben!“

Irgendwann einmal hatte sie den Dakota-Service bei Fräulein Bollwitz bemerkt und war neidisch geworden. Prompt sollten die kleinen Helferlein auch bei ihr ran.
„Hebt ma im Garten die Äpfel auf und tut sie in die Zinkwanne. Aber nicht schmeißen! Und nicht anbeißen! Die werden noch verkauft!“
Die Dakota spurten – fast. Die Wanne wurde voll. Aber so zwei-drei Stück pro Nase wurden -nicht angebissen sondern – aufgefressen. Und die Griebschte landeten mit Wonne im heiligen Heuhaufen.

Belohnung sollte es aber trotzdem geben. Tante Hedwig rief die drei ins „Allerheiligste“, in ihre gute Stube, die mit Erker nach vorn heraus lag und vorher nie von ihnen betreten worden war. Sie sollten eigentlich nur kurz mit Keksen abgefüttert werden, aber Bludgy gingen die Augen über in dieser gut gepflegten „Kalten Pracht“. Tante Hedwig bemerkte es und ließ ihn eine Weile staunen. Sie strahlte, je länger das dauerte, umso mehr.

Endlich mal ein gleich gesinnter, dem der alte Prunk gefiel. Connies Eltern hatten den überwiegenden Teil der Etage im 50er Look möbliert, hier aber hatte eine Zeitkapsel überlebt.

Kein Gummibaum, sondern eine Stubenpalme mit richtig großen Blättern! Gardinen! Klar. Jeder hat welche. Aber nicht so! Gerafft, gebauscht, an den Fensterbrett-Enden zusammengebunden mit geflochtener Kordelschnur.
Ein Klavier mit Kerzenhaltern und Kerzen drin, die wie eben ausgepustet wirkten! Obendrauf ein präpariertes echtes Rehkitz, liegend!
„Das hat Pa-Pah, im Buchholz gefunden und für mich mitgebracht, leider ist es dann schnell gestorben.“

Ein Bücherschrank, der allerdings mehr Sammeltassen und Geschirr präsentierte als Bücher.
Ein wulstiges Biedermeiersofa mit ähnlichen Sesseln wie bei Frau Bollwitz umrandeten einen kleinen runden Couchtisch mit sehr durchsichtiger langer Stickdecke und dahinter an der Wand ein großer dunkelbrauner Bilderrahmen, der – einen röhrenden Hirsch enthielt.

Allerdings handelte es sich nicht um jenes typische „von Müller Gemälde“, sondern eher um eine Art ins Riesenhafte vergrößerte gelbstichige Fotografie eines Hirsches auf einer Flachland-Waldlichtung. Ganz allein. Zu seinen Füßen totes Gehölz. Über ihm gebündelte Sonnenstrahlen im Morgennebel. Kein See, keine Hindin, kein Alpenglühen!

„Toll, nich’? Das ist auch noch von Pa-Pah! Sowas wirft man nicht weg!“
Vermutlich hatten Connies Eltern ihr wiederholte Male nahe gelegt, sich von dem alten Trödel zu trennen. Die 60er Jahre waren in dieser Hinsicht barbarisch Geschichtsvergessen. Helle Fichte und plastbeschichtete Schranktüren waren „in“!

Im Kopf des kleinen Dakota muss es an diesem Tag heftig „Klick“ gemacht haben. Er war 8 oder 9 Jahre alt. Und er hatte sein Idealbild eines Wohnzimmers gefunden. Unverrückbar stand für ihn fest: SO muss das aussehen!

Einige Jahre später war das Wunder eingetreten, dass Tante Hedwig und Großmutter einander näher gekommen waren. Die „Hergelaufene“ von einst, immerhin Doktor-Mutter, war nun doch irgendwie für comme il faut befunden worden. Und so bekam der inzwischen zum bebrillten Horst-Janson-Double herangereifte Dakota den Auftrag: „Loss dich a’mal bei dor ahlen Hedi seh’n, di willdor was zeigng. Geh ok bald, Goldie. Vorsprich morsch!“

Warum die Eile? Und warum noch mal zu Tante Hedi? Er wohnte inzwischen 10 Minuten weit weg. Die Indianerzeit war vorbei und vorübergehend vergessen. Zu Connie bestand seit 3 Jahren kein Kontakt mehr…

Aber Großmutter schien es wichtig zu sein, also los.
Gleich am nächsten Tag war er da. Sie wirkte wie immer. Das Haar vielleicht ein bisschen weißer als früher. Als sie ihn sah, blitzten ihre Augen freudig auf, aber sie sagte nur ganz gemessen: Gut, dass du kommst.
Sie bat ihn in die kalte Pracht. Er starrte kurz den Hirschen an und nahm dann darunter Platz, während sie an den Bücherschrank getreten war und hinter einer Seitentür unter Tischdecken ein großes quadratisches PALMIN-Album hervorholte. Komplett. Bestzustand. 1905.
„Ich wollte mal sehen, ob du damit was anfangen kannst.“
„Oahr, na klar.“
„Willstes ham?“
„Gerne. Was solln das kosten?“
„Nichts. Es soll in gute Hände. Bei Connie verkommts. Halts in Ehren!“

Sein wortloses Erstaunen ließ den Staub in der Luft erstarren.
„Nu nimm schon und geh mal.“ Komplimentierte sie ihn schnell hinaus.

Er ging mit seiner Errungenschaft unter dem Arm ins Nachbarhaus, wo Großmutter wohnen geblieben war. „Guck mal. Von Tante Hedi. Was sagstn nu’?“

Großmutter bekam ebenfalls einen ganz umflorten Blick und sprach: „Schön dassde schnell warst. Hattses also geschafft.“ Warum lächelte sie?

Großmutter konnte so unheimlich sein! Und diesmal war sie wirklich Unschida!
Eine Woche später war Tante Hedi tot.

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4 Gedanken zu “In Hedi’s Room

  1. Mit zunehmendem Lebensalter erstaune ich immer öfter, welche Menschen uns begegneten und wie sie uns durchaus auch prägten (zumindest in unserer Erinnerung präsent bleiben), selbst wenn sie unsere Lebenswege bloss partiell berührten.

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