Günter und Erwin

Verkrachte Existenzen. Unsympathisch, abstoßend. Jedoch „Schriftsteller kann man nicht werden! Schriftsteller kann man nur sein!“ brachte Hermann Hesse das Elend der Autoren auf den Punkt. Umgeben von Stoffen, verschwimmt das Panorama der Mitmenschen.
Und: Je mehr Kotzbrockenstatus, umso anspruchsvoller und dauerhafter das Werk.

Ich war nie Nachbar von Günter oder Erwin. Ich musste mir ihre privaten Rechthabereien und ihre politische Naivität nie am Gartenzaun erklären lassen. Deshalb kann ich heute die „Blechtrommel“ und den „Ole Bienkopp“ unbeschadet feiern. Wenn sie in ihren Werken ihre jüngste Vergangenheit abwatschten, taten sie dies stets treffsicher pointiert.

Erwin und Günter lebten sehr ähnlich, die meiste Zeit in zweierlei Deutschland. Sie machten sehr ähnliche Fehler. Sie feierten ähnliche Erfolge. Ihre Werke wurden beide millionenfach gelesen und verfilmt.

Beiden fiel der Erfolg nicht in den Schoß.
Zur Mahnung dies: Bei Erscheinen der „Blechtrommel“ leistete sich die Adenauer-BRD noch symbolische Bücherverbrennungen. Die Freiheit kommt oft mit verzerrtem Gesicht daher.

Anders im Osten: Bei Erscheinen von Erwins „Tinko“ in der Ehemaligen und der anschließenden schulischen Lobhudelei des Autors, war er bei der Masse durch. Deshalb musste der „Ole“ her. Seht! Ich kann auch anders! Deshalb musste der „Wundertäter“ noch einen draufsetzen, so sehr, dass der „Wundertäter 3“ nur mit 5jähriger Verzögerung erscheinen durfte. Weil Erwin stur blieb und nicht ändern wollte. Und kaum hatten die großen unfehlbaren Wandlitz-Insassen den Brocken verdaut, da jammerte das Lektorat des Aufbauverlages bereits: Nun hat er auch noch den „Laden“ geschrieben! Voller Seitenhiebe auf die „Republik der kleinen Leute“!

Doch beide haben da auch ein Schlagloch auf ihrer Lebensbahn, da sie dereinst als ungefestigte, überforderte Naivlinge die falsche Uniform trugen. Günter outete sich selbst und bestaunte die Aufregung. Erwin wurde posthum geoutet. Er muss geahnt haben, was kommen würde.
Obwohl sich in beiden Fällen außer dieser falschen Tracht zur falschen Zeit nichts Anstößigeres finden ließ, (Keine Massakerbeteiligung nirgends) glühten die Federn all der medialen Runtermacher allzeit bereit, alles zunichte zu machen, was in 40jährigem humanistischem Kulturschaffen entstanden war:

Vorher 6 Monate Waffen-SS? Alles umsonst.
Vorher 2 Jahre Polizeibataillon? Ebenso.

Die Wertschätzung fällt nun trotzdem sehr unterschiedlich aus:

Trotz Runen einst am Kragenspiegel, dem thematischen Verlaufen in einem „weiten Feld“ anlässlich der Wiedervereinigung, dem „Krebsgang“ und einem final umstrittenen Gedicht, das keins war, wird Günter nun verblüffend einhellig ikonografiert: Schulen-Straßen-Plätze werden demnächst seinen Namen tragen, ob er will oder nicht. Die positive Einhelligkeit verrät das kollektive Aufatmen aller offiziellen Stellen, dass nun kein zweites „Gedicht“ mehr kommen kann.

Ganz anders im Osten.
Ewig lebt der selbstgerechte restpreußische Lakai.
Vorauseilend ehrend: „Strittmatter? Jaja, der große Sohn seiner Heimatstadt!“
Vorauseilend vernichtend: „Polizeibataillon? Oi, da wermmar moal schnell…eh, da wat von ohm kommt…“
Und unbelastet von jeglichem kulturellem Urteilsvermögen: „No joa. Geläsn hoabchn niche.“
Gleich nach dem Tod von Erwin dem Großen 1994 überschäumte man vor Ehrungswut. Noch war das Outing nicht erfolgt. Die Schule, von der er einst ohne Abschluss flog, erhielt seinen Namen und gab ihn nach der Enthüllung sofort wieder her. Der Strittmatterpreis des Landes Brandenburg verlor seinen Namenspatron eben so schnell, wie er ihn erhalten hatte …
und Erwin wird schmunzelnd auf der Wolke zuschaun und sich vielleicht etwas grämen: Schade, dass ich darüber nicht mehr schreiben kann! Das wäre ein genialer „Wundertäter 4“ geworden!

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Ein Gedanke zu “Günter und Erwin

  1. Sackzement! Ich lese und kommentiere mich hier noch fest!
    Die Kommentartöse versucht, sich kurz zu fassen:
    „Kotzbrockenstatus“? Na gut, streitbar waren sie beide und bisweilen pöbelig. Haben sie sich mühsam erarbeitet, diesen Status. Doch wie innig naturverbunden und weichworterisch unterwegs sie sein konnten, dafür gibt es öffentliche Belege. Weiß nur kaum einer:

    Der eine früher: Schulzenhofer Kramkalender,
    der andere später: Fundsachen für Nichtleser.
    Stehen einträchtig in einem meiner Bücherregale und kein Grabenkampf tönt in meinen Ohren. Muß auch mal gut sein mit dem Schuldgetöse.

    Blickgenabendtanzendemückchengrüße, die Ihre, friedlich zugetan.

    Gefällt 1 Person

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