Großmutter

Später sagte er manchmal: „Großmutter sah aus, wie man sich Unschida vorstellen würde.“
Unschida war die Oma von Toka-ihto. Durch das Gesicht zog sich ein Spinnennetz von Falten. Der Blick war äußerst wandlungsfähig und konnte in Bruchteilen von Sekunden von lieber Omi auf kalte Dakota-Seherin schalten. Aber Großmutter hatte natürlich keine Zöpfe, sondern einen kleinen Nacken-Dutt und sie stammte auch nicht aus einem Dakotareservat, sondern aus einem Land, das immer von allen Erwachsenen verschwörerisch nur „die alte Heimat“ genannt wurde, was so um 1965 für 5jährige Enkel allerdings auch reichlich exotisch klang.

Oft war er bei ihr in seinen ersten 10 Lebensjahren, damals in den 60ern, oder sie bei ihm, um Aufsicht zu schieben, wenn die Eltern auswärts Termine hatten. Und er verdankte ihr manche seltsame Erkenntnis.

Meist spielte er mit einem der beiden Dauerspielkameraden im Kinderzimmer, während sie sich in der Küche nützlich machte, oder in der Wohnstube las. Anfallweise kamen Kontrollrufe:
„Was machtern grade?“
„Wir spielen! Mit Indianern!“, und schon wollten die beiden wieder zur Schlacht übergehen.
„Gehtok ja-neh ans Fenster! Herst?“
„Nein“, kam die schon leicht genervte Enkel-Antwort.
Und das wiederholte sich so alle 20 Minuten, wenn sie nicht zwischendurch sogar gucken kam.
Einmal kam sie dazu, wie die beiden kleinen Jungs ihre Schätze verglichen, die sie auf den Dachböden der Großeltern gehoben hatten: Was ist mehr wert? Ein altes Abzeichen „5 Jahre DDR“ oder eine Münze „500 Mark“ von 1923?
Udo biss gerade auf die Münze, ob sie echt ist, als Großmutter in der Türe stand:
„Nimmst du das Geld aus der Guschn! Du Lakl! Das gibt toxischen Scharlach! Da verreckscht!“
Hui. Die 6jährigen beiden schauten entgeistert auf die Münze. Udo wischte sich die Lippen mit dem Handrücken.
Großmutter war schon wieder weg. Sie hatte sich vom bisherigen Überleben der beiden im Kinderzimmer einstweilen überzeugt und das hielt die nächste halbe Stunde vor.
Toxischer Scharlach. Das klang beeindruckend. Die beiden Schlachtenlenker und Hobbytierärzte hatten eine neue Diagnose für kranke Kuscheltiere und Indianer, denen der Medizinmann nicht mehr helfen konnte: „Tot! Toxischer Scharlach. Wir baun ihm einen Sarg aus PeBe-Steinen.“

Aber Großmutter wusste nicht nur das. Sie hatte auch ganz spezielles Insiderwissen: Sie kannte Vati, als er noch klein war! Und manchmal rutschten ihr interessante Details heraus: „Frissok nee die ganze Tafel, teil dorsch ei! Dann sitzte ofm Topp und kannst ne kackn – ach gib her jetz’! Bist wie dei Voder! Dem musst ich auch alls zehnma’ sa’ng!“ soweit reichte die Strenge, dann wieder – Schalter umgelegt und freundlich weiter: „Guck ne a’su, bist doch mei Goldie!“
Vati hat nicht auf seine Mutter gehört? Interessant!

Es gab mitunter auch lehrreiches über Rentner zu vernehmen:
„Großmutter! Warum kommtn Frau Fischer nicht mehr zu dir?“
„Weilse eigeschnappt is, die ahle Schachte, die! N Bock hattse, so wie du!“
Der Kleine versuchte sich nun eine 70jährige hagere Oma vorzustellen, wie sie die Augenbrauen zusammenzieht, die Arme verschränkt und mit dem Fuß aufstampft.
Es wollte nicht gelingen. Außerdem hatte es was Lustiges: „Alte Schachtel!“ sagte Großmutter Unschida. Den eigenen Falten zum Trotz!
„Haben Erwachsene auch manchmal’n Bock?“
„Klar. Bei manchen geht das nie weg. Frihr gobs jo ke Fernsehverbot, do hoste nischt konnt machen!“ Einleuchtend. Aber sie merkte, dass sie da auf vermintes Gelände geraten war: „Hol ok den Schnurz, ich les dir vor.“

Die Bilderbücher vom Kater Schnurz oder die Ritter Runkel Geschichten im MOSAIK waren die Dauerbrenner.
„Und Runkel beugte sich zu Suleika und sprach: -“
(Bam!) Großmutters flache Hand sauste auf die Tischplatte, dass die Kakaotasse sprang! –
„Guck ok richtch! Sonst bleibt das Auge schief! Guckst ja wiera Pfardehandler!“ Erschrocken starrte der Kleine hoch! Hatte er wieder geschielt? Er hatte doch aber gar nichts gemerkt?! „Na kummok of mei Schoß. Musst halt ne so schiech guckn. Bist doch mei Goldie.“
Sie streichelte ihn, aber die Zeit der Brille rückte unaufhaltsam näher.

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9 Gedanken zu “Großmutter

  1. Lese ich gerne, solche herzigen Erinnerungen. Diese robuste Herzlichkeit von Grossmüttern.
    Diese sanften Haudegen habe ich bloss bei Kindkollegen kennengelernt.
    Meine eine starb als ich gerade sechs werden sollte; die andere ist übermorgen vor siebzig Jahren zerfetzt worden. Unsere us-amerikanischen Befreier hatten unser Haus besetzt und nach dem Verlassen desselben einiges an Munition zurückgelassen. Wer konnte damals schon englisch?…

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  2. Ganz köstlich, die Oma. Meine hat immer behauptet, dass man nach Kirschkuchen eine Stunde lang nichts trinken darf, weil man sonst „Darmverschlingung“ bekäme. Hatte ich grässliche Vorstellungen von.
    Freitag war der Oma Tag, vorher zum Bücherbus, der rollenden Bibliothek und dann den Hefezopf von der Oma (goldgelb innen, aussen so schön angebräunt) in den Kaffee von der Oma eingetunkt. Immer schön aufgepasst, dass da nichts auf die Bücher kommt.

    Gefällt 2 Personen

    • Wir hüten solche Erinnerungsbruchstücke wie kleine Schätze.
      Ich frage mich, ob das bei zukünftigen Generationen auch so sein wird.
      Wo dem perfekten Konsumtier die Gedanken doch stur nach vorn gerichtet werden sollen.

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    • Diese Art der Darmverschlingung kenne ich auch. Und bei Kirschkerverschlucken platzt der Blinddarm!
      Beim Nasebohren kann der Finger stecken bleiben und muss operativ entfernt werden!
      Auf Schniefen statt Schneutzen steht Stirnaufsägen um die Stirnhöhlenvereiterung zu beheben.
      Und Bohnenkaffee bei Kindern kann zu Herzschlag führen!
      Wer bietet mehr?

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      • – Wer vorm betreten des Schwimmbeckens (oder des zu beschwimmenden Wassers allgemein) Sprudelwasser trinkt kann ertrinken.
        – Kirschen essen und Wasser trinken gibt unfehlbar eine Darmverschlingung.
        – Wer aus Spass schielt, dem bleiben die schrägen Augen stehen
        – Wer Gurkensalat zu schnell isst (ich mochte ihn halt) kriegt einen Magenkatharr und muss ins Krankenhaus.
        – Eine Fischgräte im Hals fürht unweigerlich zum Ersticken.
        – Bier macht dumm (der dümmste von allen diesen dummen Sprüchen)

        Gefällt 3 Personen

      • Das Augendrehen, meine Güte, das war der Horror, das hat man uns oft erzählt, wenn wir faxen machten. Blinddarm kenn ich auch.
        Das beste war meine damalige Hypothese vom Kinderkriegen. Die habe ich mir nach diversen Quellen gebildet: Zufall!

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      • Kinderkriegen: Also ich saß definitiv im Sumpf, die Eltern kamen in Papas Dienstwagen vorbeigefahren und suchten mich aus. Ich bekam so einen roten Kennungsstrich über den Rücken (wie die bereits geimpften Ferkel im Wurf) um nicht verwechselt zu werden und dann lieferte mich der – – – täterätä – STORCH!

        Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Der Mann, der Bär, das Lied der Zeit | toka-ihto-tales

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