Wunschbiografie

(Land der Salzfelsen 2)

Da wollte ich einem Heiligtum meiner Kindheit ein Denkmal setzen und nun hat Herr Ärmel da was angestoßen, was mich umtreibt:

Hab ich doch gestern noch tatsächlich mehrfach über die Sat okh Biografie gegrübelt und geforscht. Wikipedia gibt nur ein schmales Artikelchen her, das die Legende wiederkäut, allerdings auch einen Link zu einer polnischen Seite, die ich nicht lesen kann, die aber voller Indianerbilder vom echten Sat okh ist – und plötzlich reimt sich eins zum andern.

Es KÖNNTE doch auch so gewesen sein:

Da beschreibt einer seine HJ-Erlebnisse in indianisierter Form. ? ! ?

Stell dir vor, du wirst geboren in den 20er Jahren auf dem Dorf in Westpreußen – nee, ihr Geschichtsvergesser, das liegt NICHT im Rheinland um Köln herum! – sondern südlich von Danzig, die Gegend um Thorn und Bromberg. Die Provinz ist damals noch traditionell 50:50 von Polen und Deutschen bevölkert, deshalb ist Zweisprachigkeit dort eher die Regel als in Ostpreußen oder Hinterpommern.
Und es gibt auch allerhand Möglichkeiten für Gründe, für jemanden der dort aufwächst, irgendeinen Kindheitsmakel mit sich herumzuschleppen, der ihn zum Außenseiter werden lässt. Vielleicht die scheel angesehene Mischehe der Eltern, oder uneheliche Herkunft im urkatholischen Raum; vielleicht die Unsportlichkeit, die sich den Rabauken gegenüber nachteilig auswirkt.
Vielleicht auch einfach nur blond und schüchtern.
Aber auch so einer hat das Verlangen nach Kontakten, auch wenn er den coolen Einzelgänger markiert. Karl May ist zunächst der Tröster. Und Karl May erging es wie ihm! Ein Niemand, der aufsteigt! Der aber plötzlich enttarnt wird und wieder abstürzt, wenn auch sein Werk weiter lebt.
Der kleine westpreußische Einzelgänger wird älter und gerät in die HJ wie alle; kann nicht mithalten; träumt sich aber seine Wunscherlebnisse zusammen, die die anderen endlich einmal über ihn staunen lassen sollen.
Schließlich wird er auch noch einberufen; gerät in die Kriegsmühlen; überlebt das an der Feldküche oder als Spießschreiber; kommt auf der Flucht zurück: niemand mehr da in der alten Heimat! Aber andere Leute hocken und plündern in den Häusern, die heil geblieben sind. „Wolfskinder“ ziehen vorbei, deutsche Waisenkinder, versprengt von den Trecks gen Westen…
Die sind noch einsamer als er.
Aber der westpreußische Einzelgänger vermisst keine Freunde, denn da waren keine.
Er vermisst keine Verwandten, denn für die war er immer der, den der Esel im Galopp verlor…
Eigentlich könnte er gehen – egal wohin…
Aber Einzelgänger hängen an (toten) Dingen, die einst Orientierung gaben.
Nochmal neu anfangen unter ganz fremden Leuten? Wo’s schon in der eigenen Stammgegend immer schief ging? Er beginnt, sich wie der Letzte der Mohikaner zu fühlen, hier in seiner alten Heimat. Die andern sind weiiiit weg. In der Reservation hinter der Oder. Vielleicht sogar noch weiter westlich hinter Elbe und Harz.
Da kommt ihm die Idee: Nicht von Cooper, sondern von Karl May lernen, heißt siegen lernen.
Er hat keine Papiere: Weil er Indianer ist!
Die Haarfarbe? Kein Problem. Seine Mutter war Polin.
So kann’s gehen! Alles Weitere wird sich finden:

Wie kommt die zu den Indianern?
„Als Verbannungsflüchtling. Polnische Widerständlerfamilie – schon zu Zarenzeiten!“
Von Kamtschatka nach Alaska?
„Da haben Eskimos geholfen. Naturvölker sind hilfsbereit. Und das ewige Eis da oben. Fahr doch hin und überzeug’ dich!“
Wieso nicht zu einem Stamm gleich an der Westküste Alaskas?
„Öh, — weil sie eine Gruppe waren, die weiter zog und im dünn besiedelten Raum immer die weißen Siedlungen verfehlte. Es klappt eben auf so einer Flucht nicht immer alles so, wie man es sich wünscht.“
Warum kannst du nicht richtig englisch?
„Ich war nur kurz auf so einem Internat, meine Mutter hat mich dort schnell wieder rausgeholt.“
Kannst du Shawnee?
„Hum tswa chi Sat okh.“
Und das heißt?
„Dein Name sei Sat okh“ (Prüf’s doch nach.)
Interessant.
„Ich werde ein Buch über meine Kindheit schreiben…“
(…und alles hineinschreiben, was mich in den dauernden Zeltlagern und auf den „Fahrten“ der HJ getröstet hat, wenn ich mal wieder letzter war.)
Nicht „Heil!“ sondern „Hough!“

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4 Gedanken zu “Wunschbiografie

  1. Grandios. Nur will mir scheinen, ich habe da etwas zu hart an den Sockels des Denkmals getreten. Was mich betrüben würde.
    Aber die Idee, das alles mal so rum zu sehen, ist grandios und prima nachvollziehbar geschrieben!
    (Grosses Indianerehrenwort)

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    • Naufragios, die Schiffbrüche des Alvar Nuñez, würde ich gerne mal ganz lesen. Grosse Teile seines Berichtes liegen nach wie vor unveröffentlicht in der Bibliothek von Granada(?).
      Aber „Naufragios“, die kleine Ausgabe aus dem Klaus Renner Verlag (1963²) gibt schon mal einen guten Einblick.

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